4. Die Übung des Glaubens im Kreuz, 1701

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warumb seyd ihr so furchtsam? Und stund auf / und bedrauete den Wind und das Meer / da ward es gantz stille. Die Menschen aber verwunderten sich / und sprachen: Was ist das für ein Mann / daß ihm Wind und Meer gehorsam ist?

GEliebte in CHristo JEsu unserm Hochverdienten Heilande / gar mercklich ist es / wie der itzo verlesene Evangelische Text mit demjenigen / welcher vor 8 Tagen er­kläret worden / zusammen hänget. 1 Denn als unser Heiland einging zu Capernaum / und daselbst durch sein kräfftiges Wort den Knecht des Hauptmanns gesund ge­macht; so stehet bald darauff / er sey kommen in Peters Hauß / habe da seine Schwieger vom Fieber gesund gemacht / und an demselbigen Abend habe man be­sessene zu ihm gebracht / da er denn die Geister mit Worten ausgetrieben und allerley Krancken geheilet; woraufF sich eine grosse Menge des Volcks zu ihm versammlet / welches ihn auch bewogen / daß er aus solchem Getümmel des Volcks zu (342) gehen gesuchet / und daher befohlen / hinüber jenseit des Meers zufahren. Als nun unser Heiland dergestalt reisefertig gewesen / da sey ein Schrifftgelehrter zu ihm getreten / habe zu ihm gesagt / v. 19. er wolle ihm folgen wo er hinginge; Als wolte er sagen: Er habe itzo seine Herrlichkeit / und mächtigen Wunder selbst mit Augen gesehen / und mit Ohren gehöret / und trüge nun kein Bedencken allezeit bey ihm zubleiben; JESUS aber habe ihm geantwortet: Die Füchse haben Gruben / und die Vögel haben Nester / aber des Menschen Sohn hat nicht / da er sein Haupt hinlege ; 2 Oder: er meyne wol / daß es gut sey bey ihm zubleiben / dieweil er solche Wunder von ihm sehe und höre / es müße aber ein jeglicher / der sein Jünger seyn wolle / auch das Creutz auff sich nehmen / und also ihm nachfolgen / dürlfe sich bey Ihm und seiner Nachfolge keine Herren-Tage einbilden / sondern solle wißen / daß / wenn er ihm nachfolgen wolle / er alles irdische und vergängliche Wesen dieser Welt müße aus den Augen setzen. Bald sey ein ander unter seinen Jüngern zu ihm kommen / welcher gemeynet/ er würde sich ja als sein Jünger nicht entziehen / es sey ihm aber ein gar nöthiges Geschälfte fürgefallen / nemlich daß ihm sein Vater gestorben / den er ja billig be­graben müße / deßwegen er zu ihm gesagt: HErr / erlaube mir / daß ich zuvor hingehe f und begrabe meinen Vater. 3 Aber JESUS habe ihm geantwortet: folge du mir / und laße die Toden ihre Tode begraben / 4 habe ihm dazu nicht Zeit gegeben / sondern ihn darauff gewiesen / wie er seinen Beruff erkennen müße / wann er sein Jünger seyn wolle / und fürnemlich zu Zusehen habe / daß er diesem seinen Beruff nachkommen möge: worauff es denn heißt: und er trat in das Schiff / und seine Jünger folgeten Ihm nach. 5

Wir sehen aus diesem Zusammenhang mit den vorigen / wie unser Heiland seine Jünger geführet / nemlich / daß er sie selbst mit sich genommen / und ihnen nicht allein seine Wercke gezeiget / sondern sie auch in aller Noth und Trübsal wohl geübt habe im Glauben; wie es denn hernach auch auff dem Meer also herging / daß da nichts als Noth und Elend war / und sie meyneten / sie müßten sammt dem Schiff verderben und umbkommen. Die Haupt-Lehre dann / welche in diesem Evangelio stehet / ist diese:

Wie JEsus die Seinigen im Glauben pflege zuüben.

(343) Da wir denn sehen / wie er solche Übung des Glaubens mit den Seinigen hält /

1 Vgl. Matth. 8,5 ff. Für den 3. Sonntag n.Ep. 1701 ist keine Nachschrift einer Franckepredigt überliefert.

2 Matth. 8,20*.

3 Matth. 8,21*.

«Matth. 8,22*.

6 Matth. 8,23*.