4. Die Übung des Glaubens im Kreuz, 1701
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Da hilfft denn auch unser Heiland: Er bedräuet den Wind und das Meer / spricht der Text / da ward es gantz stille. Damit hat unser Heiland andeuten wollen: könne er dem Winde und Meer gebieten / daß es gantz stille werden müsse / so sey es ihm umb ein Wort zuthun / so könne er uns auch in aller unser Noth leichtlich helffen; Und ob wir denn keinen Ausgang sehen / und nicht wissen / wie es hinaus lauffen wird / daß wir nur getrost / nur freudig / nur frölich seyn / uns dem HErrn empfehlen / und nur in seinen Weegen wandeln sollen / der gewißen Zuversicht / daß er dem Wind und dem Meer gebieten kann / auch werde er wol denen Men(354) sehen allhier auff der Welt gebieten / daß sie müßen stille seyn / daß ihre Verfolgung und Unruhe ein Ende nehmen muß. Ja / daß er auch dem wilden Meere unsers Hertzens gebieten könne / und allen Anfechtungen / die sich darinn erregen / nemlich daß sie stille werden müßen / und der Friede GOttes in unsere Seelen komme / der höher ist denn alle Vernunft. 10 Das kan unser Heiland JEsus CHristus thun / darumb soll der Mensch / dem es ein wahrhafftiger Ernst ist / dem HErrn JEsu zu dienen / sich nicht fürchten / ob er gleich in seinem Hertzen viel Unruhe erleiden muß / und ihm sein Elend so offenbar wird / daß er nichts rechtschaffenes bey sich findet / sondern sich die bösen Begierden in seinem Hertzen gewaltig regen / und er daher mit ihm selbst übel zufrieden ist / nicht wissend / wie er ihm selbst rathen soll: Da soll er sich nur zu JEsu halten/denselben im Gebet auffwecken / sihe / der kan dem Wind und Meer auch in seinem Hertzen gebieten / daß es müsse stille werden / und er den Frieden / den die Welt nicht geben kan / in seinem Hertzen erfahre.
Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das für ein Mann / dem Wind und Meer gehorsam ist. Damit wird uns dann angedeutet / wie unser lieber Heiland seine Herrlichkeit dergestalt offenbaret; indem er seine Jünger im Creutz übete. Denn zu solcher Ausbreitung seiner Herrlichkeit mußte solches dienen / daß die Leute nachfragten / was ist das für ein Mann / daß sie nach und nach zu dem Glauben gelangen möchten. Also müßen auch die Übungen des Glaubens daTzu gereichen / daß der Mensch die Herrlichkeit des HErrn JEsu seines Heilandes lernet recht erkennen. So man nicht innerlich und äusserlich fein wohl geübet würde im Creutz und Trübsal / so der Glaube nicht dergestalt exerciret und gleichsam gemustert würde: Sihe! so würde man sich nimmer recht in die Ordnung GOttes schicken / und man würde nimmer recht die Herrlichkeit seines Heilandes erkennen; darumb muß der Mensch durch viel Trübsal ins Reich GOttes gehen: (Apost. Gesch. XIV.22.) So er sich nur recht mit dem HErrn JEsu vereiniget und feste verbindet / so wird derselbige auch alles Ungestüm wissen zu stillen / und seine Herrlichkeit an ihm zu beweisen. Es heißet da / wie unser Heiland zur Martha saget: Habe ich dir nicht gesagt / so du glauben würdest / du soltest die Herrlichkeit GOTTes sehen? Joh. XI.40.
Ja es begegnet denn auch dem Menschen / daß eben dadurch / daß er im Glauben geübet wird / auch andere zum Glauben erwecket werden. (355) Denn wenn andere dieses hören / wie GOtt diesen und jenen Christen in Creutz und Trübsal übet / und wie derselbige im Glauben getrost sey / oder wie sein Glaube dadurch immer feuriger / immer glüender / immer brennender werde; wie er da immer mehr und mehr im Glauben zunehme und wachse / mitten unter der Trübsal / und dann unser Heiland ihm aus der Noth heraushelffe / da vor Menschen-Augen keine Hülffe mehr gewesen / so werden auch andere dazu erwecket / daß sie GOtt die Ehre geben müssen / und erkennen / daß es dennoch die Gerechten zuletzt gut haben / und die allerseligsten
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10 Vgl. Phil.4,7.