7. Was von dem weltüblichen Tanzen zu halten sei * Vorrede, 1697
Bereits im Jahre 1691 hatte Francke in einem Brief an C. Sagittarius ausführlich zur Frage des Tanzens Stellung genommen (vgl. Kramer, Vier Briefe, S.6ff.). 1697 gab er ohne Nennung des Namens der Verfasser zwei Traktate über das Tanzen heraus unter dem Titel „Gründ- und ausführliche Erklärung der Frage: Was von dem Weltüblichen Tantzen zu halten sey? In zwey Tractätlein verfasset... HALLE, ver- legts Christoph Wetterkampff“. In einer Vorrede (27. Juli 1697) hat Francke seine eigene Position Umrissen. Er nahm diese Vorrede später unter der Überschrift „Beantwortung der Frage: Was von dem weltüblichen Tantzen zu halten sey?“ in die Sammlung seiner Vorreden am Schluß des Sammelbandes „Öffentliches Zeugnis“ auf (WWD IV, 298—313). Sie ist für Franckes Stellung zu den sogenannten indifferenten Dingen kennzeichnend (vgl. Peschke, Studien I, S.92f., 138ff.). Wir geben den Text nach dem Druck von 1698 wieder.
(al b ) Geliebter Leser!
ES wird niemand in Abrede seyn können / daß nun einige Jahr hero die Predigt von der Buße / wie in andern Ländern / also auch in Teutschland starck erschollen / daß jederman davon zu sagen weiß / man wolle mit dem bißherigen Heuchel- und Maul- Christenthum nicht zu frieden seyn / sondern erfordere / daß sich der Glaube an JEsum CHristum in der That und Warheit beweise. Etliche / und zwar die wenigsten / geben GOTT die Ehre / lassen sich zur Erkäntniß ihrer Sünden bringen / kehren umb / und schlagen an ihre Brust / und werden theilhafftig der Gabe des Heiligen Geistes / der den Glauben in ihnen würcket / sie in alle Warheit leitet / und in der Schmach CHristi / welche sie tragen / frölich und getrost machet. Andere schlagens in den Wind / und bleiben in Augen-Lust / Fleisches-Lust und hoffärtigem Wesen so verwickelt / daß sie nimmer nüchtern werden aus den Stricken des Satans / ein rechtschaffenes Christliches Wesen zu erkennen. Andere eiffern dawider mit Unverstand / schreyens für Neuerung / Spaltung und Ketzerey aus / verhärten sich selbst / und verkehren andere / und behelffen sich mit Lügen und Verleumdungen / die der Satan gegen das Werck des HErrn an allen Orten erreget und ausstreuet. Etliche aber / und zwar deren nicht wenige / wollen den Namen haben / daß sie treue und umb GOttes Ehre eifferende Lehrer werth halten / und selbst profession von einem ernstlichen Christenthum machen / sind aber in ihrem Sinne klüger als alle diejenigen / welche GOtt treu geachtet hat das Wort der Buße zu verkündigen. Sie sehen wohl vor Augen die große Heucheley / den schändlichen Geitz / die greuliche Kalt- und Leichtsinnigkeit in Verwaltung des Lehr-Amtes / und die teufflische Widersetzung gegen alle fürgenommene Verbesserung der Kirchen / die sich leyder! noch bey dem grösten Hauffen der Lehrer und Prediger findet; Aber sie klagen auch an der andern Seiten: Man gehe zu weit / man brauche keine Christliche Klugheit / man mache keinen Unterscheid / was nach eines ieden Stan (a 2 a ) de sich schicke oder thunlich sey / man sey allzugesetzlich / und was des tadelns mehr ist. Solche Leute haben den Biß der alten Schlange noch nie recht gefühlet in ihren Hertzen / noch den Geist der Warheit geschmecket / und weil sie den Schein haben eines Gott-