384
VII. Schriften zur Lebensführung
seeligen Wesens / (wiewohl auch dieser manchmahl gar geringe ist) so lassen sie sich das falsche Licht / darinnen sie unwissend seyn / so bethören / daß sie ohne gründliche Untersuchung deßen / was GOttes Wort erfordert / ihnen selbst ein Christenthum in ihren Gedancken fürmahlen / dabey sie GOtt zu gefallen / und doch eben der Welt nicht zu mißfallen / CHristo nachzufolgen / aber dem alten Adam das Creutz nicht zu hart aufzulegen gedencken. Diese Secte hat am meisten Anhänger bey den Höfen / und denen / die sich nach der Hoff-Manier richten / die denn auch wohl andere finden / die ihnen beypflichten. Alles was diese Leute thun / darinnen sie sich der Welt gleich stellen / das geben sie für indifferente Dinge aus / die man in Christlicher Freyheit thun oder laßen könne. Sie glauben / daß sie alles wohl können äußerlich mi t, machen / Opern und Comoedien besuchen / lustig mit der Welt schmausen / und darnach auffstehen zu spielen / zu tantzen und zu springen / alle neue Moden der Welt zu gefallen mit tragen / und was des eitelen Wesens mehr ist/ darinnen sie und die ihrigen fortleben / und doch den Namen behalten wollen / daß es ihnen ein rechter Ernst sey GOtt zu dienen / vorgebende / ihr Hertz hänge nicht daran / und man müsse sein Christenthum so führen / daß man nicht für singulair gehalten werde. Sie finden auch wohl Lehrer / die mit ihnen heucheln / und alle diese und dergleichen Dinge selbst für indifferent halten / und das Volck also lehren / wodurch denn nicht allein der Heucheley / sondern auch dem Epicurischen Wesen Thür und Thor aufgethan wird. Finden sie aber einige / die ihnen widersprechen / so sind sie bald mit der Antwort fertig: Man suche es nur in dem äusserlichen / es halte sich mancher in Kleidern schlecht / und sey doch im Hertzen hoffärtig; Es sey dieses nur eine Scheinheiligkeit und geistliche Hoffarth / daß man äuserlich für den Leuten wolle gesehen seyn / und so ferner. Dieses Heuchel- und Schein-Christenthum hat so überhand genommen / daß auch manche sonst lencksame Gemüther dadurch hingerissen / und von der wahren Bekehrung und einem lautefa 2 A Jren und unanstößigen Wandel für dem Angesichte GOttes zurücke gehalten werden. Daher ist allerdings von nöthen / daß nechst der Predigt von der Buße und Bekehrung auch die Menschen immer mehr und mehr darauf geführet werden / daß sie prüfen mögen was das beste sey / (öoMfiaCsiv rä öiarpßQOvra) 1 oder daß sie die von der Welt so genannte indifferente Dinge untersuchen / und aus GOttes Wort erforschen / obs auch wahr sey / daß solches indifferente oder freye Mittel-Dinge seyn: Und gesetzt / daß sie etwas als indifferente oder zuläßig erkenneten / daß sie doch dabey nicht beruhen / sondern nach der Apostolischen Ermahnung weiter gehen / und auch prüfen rä ötatpsQOvra, was noch beßer sey / als solche Dinge / damit sie mit Maria den guten und besten Theil erwehlen / der nicht von ihnen genommen werde / Luc. 10.42. und lauter und unanstößig seyn biß auf den Tag CHristi / erfüllet mit Früchten der Gerechtigkeit / die durch JEsum CHristum geschehen (in uns) zur Ehre und Lobe GOttes / Philipp. I. vers. 10.11. Dieweil nun unter solchen so genannten indifferenten Dingen das heut zu Tage übliche Tantzen mit begriffen ist / darüber bißhero viel Fragens gewesen / obs recht oder unrecht / zuläßig oder unzuläßig / GOtt gefällig oder mißfällig sey? So hat man sich billig darüber zu erfreuen / wenn solche Sache einmahl recht gründlich aus dem Worte Gottes untersuchet / reifflich erwogen / und jeder- man vor Augen geleget wird / zu gründlicher und völliger Überzeugung der Gewißen. Man muß ja freylich nicht davon anfangen / sondern vor allen Dingen / wie ein Christlicher Lehrer redet / den Leuten nach den Hertzen grasen. Denn wenn das Hertz recht geändert und gebeßert wird / so fällt das äuserliche für sich hinweg; Gleichwie / wenn das Geblüth bey einem Menschen recht gereiniget ist / die äußer-
1 Rom. 2,18.