7. Vom weltüblichen Tanzen, 1697

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Gewiß / wenn rechtschaffene Kinder GOttes beysammen seyn / werden sie vielmehr das Wort CHristi reichlich unter sich wohnen lassen / in aller Weißheit / und einander lehren und vermahnen mit Psalmen und Lobge(b 4 a )sängen / und geistlichen lieblichen Liedern / nach der Apostolischen Ermahnung / Col. 111,16. als auff solche Thorheit gerathen / einen weltlichen Tantz mit einander anznfangen. Die Welt / die keine Freude in GOtt zu suchen weiß / nimmt solche eitele Dinge für / und wolte gern / daß es ihnen rechtschaffene fromme Kinder GOttes durch ihr eigenes Exempel recht sprechen möchten / daß sie darnach sagen könten: Dieser oder jener ist auch ein frommer Christ / und thut es dennoch / so muß es ja nicht unrecht seyn. Darumb mag man abermahls die Sache ansehen / wie man will / so bleibets unrecht. Sind rechtschaffene Christen allein beysammen / so bleibets ohne dem nach; Sind Welt- Kinder oder nur Schwache zugegen / so ists unmöglich / daß es ohne Verstärckung jener in ihrem eitelen Wesen / und ohne dieser Anstoß geschehe / so ja einer vor sich so starck zu seyn gedächte / daß er für seine Person es ohne aller Gefahr der Sünde thun wolte. Sehet zu / daß eure Freyheit nicht gerathe zu einem Anstoß der Schwachen I spricht Paulus 1. Cor. VIII,9. und: Es ist viel besser / du essest kein Fleisch / und trinckest keinen Wein / oder das / daran sich dein Bruder stoßet / oder ärgert J oder schwach wird / Rom. XIV,21. Wenn ihr also sündiget an den Brüdern / und schlaget ihr schwaches Gewissen / so sündiget ihr an CHristo. Darum so die Speise meinen Bruder ärgert / wolt ich nimmermehr Fleisch essen / auff daß ich meinen Bruder nicht ärgere / 1. Cor. VIII, vers. 12.13. Wie vielmehr solte man sich des Tantzens enthal­ten / da man sich dadurch befahren muß andere entweder in ihrer Eitelkeit zu stärcken / oder zur Eitelkeit zu verleiten. Daß aber das heutige Weltübliche Tantzen kein frey Mittel-Ding sey / ist aus dem / was gesaget worden / überflüßig zu erkennen / und könte noch aus mehrern Gründen dargethan werden. Ich habe aber nur mein Bekäntniß von der Sache bey dieser Gelegenheit frey und öffentlich für Augen legen wollen / und kan der Leser ausführlichen Unterricht aus diesen beyden Tractatibus nehmen / darinnen auch die zum theil scheinbare / zum theil ungereimte Einwen­dungen / welche die Welt einstreuet / zur Gnüge und gründlich beantwortet werden. Nur dieses setze ich hinzu / daß wir jetzo zu einer solchen Zeit leben / darinnen die über unsern Häuptern schwebende (b 4 b ) Gerichte GOttes uns das Tantzen bald vertreiben werden. Selig ist der / der die Zeichen dieser Zeit recht erkennet / und im Sack und in der Aschen Buße thut. Wehe euch / die ihr ietzt lachet / den ihr werdet weinen und heulen. 10 Lieber HErre GOtt! wecke uns auff / wenn dein lieber Sohn kömmt / ihn mit Freuden zu empfahen; Wecke die Obrigkeiten auff / daß sie nicht mehr mit bösem Exempel und mit aller Eitelkeit und Üppigkeit ihre Unter- thanen ärgern; Wecke die Lehrer auf / daß sie nicht länger löhren auff ihren Lagern / u noch sich selbst mehr weyden als die Schafe / die in der Irre gehen / daß ein jeder auff seinen Weg siehet / und den Weg des HErrn nicht mehr kennet / sondern daß sie gedencken an das Blut / so GOtt von ihren Händen fordern wird. Amen.

Glauche an Halle / den 27. Jul. 1697.

M. August Hermann Francke / Gr. 00. LL. Pr. P. & P.

10 Vgl. Luk. 6,25.

11 Löhren = heulen (vgl. Hosea 7,14 nach der alten Lutherübersetzung).