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VII. Schriften zur Lebensführung

zu machen / wann sie mit tantzeten / welche aher alle darnach solchen Schaden an ihren Seelen davon empfunden haben / daß sie es mit Trähnen beklaget / und lange Zeit bedurfft / biß sie sich wieder erholen können. Wer noch nie einen rechten Anfang der Buße geschmecket / kan nichts davon urtheilen. Solche aber / die in ihrem Christenthum weit kommen / und an geistlichen Kräfften starck worden seyn / die sind schon längst solchen thörichten Wollüsten der Welt abgestorben / und wissen ihnen so wenig Freude aus einem Tantze zu machen / als wenn ein verständiger Mann mit den Jungen auf der Gassen spielen solte; Ja an statt daß die Welt an dergleichen Dingen eine Freude hat / so haben solche den grösten Verdruß daran / und ist ihnen eben / als wenn man ihnen nun wolte Mist-Pfützen zu trincken geben / nachdem sie schon von einer süssen und lebendigen Quelle getruncken. Solche halten sich an die Regel Pauli / der da spricht 1. Cor. X,23. Ich habe es zwar alles Macht / aber es frommet nicht alles / ich habe es alles Macht / aber es bessert nicht alles. Die Welt dencket gar nicht an diese Regel / sondern mißbrauchet der Christlichen Freyheit / dadurch dem Fleisch Raum zu geben / und zum Aergerniß anderer. Die Schwachen nehmen sich auch wohl jezuweilen eine Freyheit aus Unbedachtsamkeit / weil sie noch nicht wissen / was ihnen und andern für Schaden daraus entstehen könne: Aber gewiß / die durch Erfahrung geübte Sinne in ihrem Christenthum erreichet / haben von Paulo gelernet darinnen starck zu seyn / daß sie sich also stellen / daß sie dem Nechsten gefallen zum guten / zur Besserung / Rom. XV,2. Gesetzt nun / daß einer ohne sündlichen Umbständen einen Tantz zu verrichten meynete / und sich also seiner Freyheit zu gebrauchen gedächte / so frommet und bessert es doch nicht. Es sey auch einer starck oder schwach in seinem Christenthum / so müste doch einer in seinem Hertzen eine gläubige Gewißheit haben / daß es GOTT im Himmel wohl gefalle. Denn wo das Hertz diese Gewißheit nicht hat / da ist es dem Menschen Sünde / und obs sonst an sich nicht Sünffcd^de wäre / welches die Lehre Pauli mit sich bringet; Was nicht aus dem Glauben gehet / das ist Sünde j Rom. XIV,23. Mancher dencket / er habe diese Gewißheit / und ist nichts als eine Vermessenheit / weil er noch nie geschmecket / welches die rechte Glaubens-Gewißheit des kindlichen Geistes sey. Es ist nicht genug / daß man saget / wenn man so scrupuleus in allen Dingen seyn wolte / so müste manches nachbleiben: Denn solche Rede zeiget schon an / daß einer seinen Wandel nicht führe als für GOttes Angesicht / sondern nach dem Fleisch. Einem solchen fleischlich gesinneten Menschen düncket es freylich gar beschwerlich zu seyn / auf alle sein Thun so genaue acht zu geben; Aber dem / der aus GOtt gebohren ist / ist dieses nicht ängstlich noch beschwerlich / sondern er träget dieses Joch gerne / und achtet es für großem Gewinn / daß der Friede GOttes ihm nicht durch Zerstreuung der Sinnen in dem eitelen Wesen dieser Welt aus dem Hertzen geraubet werde. So nun das Tantzen weder den Kindern dieser Welt frey und ohne Sünde ist / als welche ohne dem nicht im Stande der Gnaden stehen; Noch den schwachen Kindern GOttes geziemet / welche ihrer empfangenen Kräffte ohne dem zum rechtschaffenen Kampff gegen die Sünde hoch vonnöthen / und dieselbe nicht also zu verschwenden haben; Noch denen die zum männlichen Alter des Christen­thums kommen seyn / anstehet / dieweil des Menschen Hertz / je näher es dem Eben­bilde CHristi kommet / je mehr es von aller solcher Eitelkeit entfernet ist / und solchen weltlichen Dreck verachtet: So siehet ein jeder / daß das Tantzen keinem Menschen gebühre / sondern mit andern weltlichen Lüsten allerdings zu verleugnen sey. Dabey denn auch dieses zu erwegen ist / daß wohl von den Abgöttischen Israeli­ten geschrieben stehet: Das Volck satzte sich nieder zu essen und zu trincken / und stund auf zu spielen / (2. B. Mos. XXXII,6. 1. Cor. X,7.) Aber nirgends von dem Volcke GOttes / wann es in der Furcht GOttes blieben / solches gefunden wird.