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Nachwort

Schließlich hat die ökumenische Bewegung unseres Jahrhunderts entscheidend dazu beigetragen, den Blick für die Eigenart des Pietismus zu schärfen. Die ständig wachsenden Kontakte der europäischen Konfessionskirchen mit den mannig­faltigen Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften anderer Kontinente haben be­wirkt, daß traditionelle konfessionelle Fronten zusammenbrachen und alte Frage­stellungen als überholt erkannt wurden. Brüderliche Gespräche auf ökumenischer Ebene führten zu einer theologischen Neubesinnung auf das Wesen des Christen­tums. Dazu hat die Beschäftigung mit der Geschichte der neueren Kirchen deutlich gemacht, wie stark sie im pietistischen Gedankengut beheimatet sind und wie viele Anregungen sowohl für die Bildung dieser Kirchen als auch für das Werden der ökumenischen Bewegung vom Pietismus ausgegangen sind.

Von hier aus ergibt sich die Notwendigkeit, die objektive geistesgeschichtliche Stellung des Pietismus neu zu umreißen und zugleich sein subjektives Anliegen zu würdigen. Der Rahmen, in dem er uns als geschichtliche Erscheinung begegnet, umspannt die Zeit vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Mitte des 18. Jahr­hunderts, also etwa hundert Jahre starker politischer, kultureller und religiöser Spannungen und Veränderungen in Europa. In den protestantischen Kirchen be­hauptet sich zunächst noch die Orthodoxie. Die Geschehnisse des großen Krieges haben ihre Kraft nicht gebrochen. Ja, sie fühlt sich dadurch in ihrer Stellung nur bestätigt. Aber die gewaltigen Ereignisse haben neuen Kräften zum Durchbruch verholfen, die nun gegen die alten kirchlichen Befestigungen anstürmen. Und all­mählich werden die Waffen der Orthodoxie stumpf gegenüber den Argumenten der Aufklärung und des mystischen Spiritualismus, gegenüber den überkonfessionellen Tendenzen und der rationalen Skepsis, gegenüber der fortschreitenden Emanzipation und Säkularisierung. Es wird Kritik geübt am überlieferten Bibelglauben und an der Inspirationslehre, an den Dogmen und an der theologischen Beweisführung der Orthodoxie. Die mystischen Spiritualisten des 17. Jahrhunderts gehen daran, die organisierteStein- und Mauerkirche von innen her auszuhöhlen. Ihr Angriff richtet sich nicht nur gegen das orthodoxe Luthertum, sondern auch gegen Luther selbst. Ebenso wie die großen Spiritualisten des 16. Jahrhunderts lehren sie, daß er im Halben steckengeblieben sei und die Reformation nicht konsequent durchgeführt habe. Immer stärker werden die Stimmen, die in der lutherischen Orthodoxie ent­weder ein Hemmnis echter persönlicher Frömmigkeit oder ein Hindernis wissen­schaftlichen Fortschritts sehen. So werden nicht nur die Kräfte der Aufklärung, sondern auch die des mystischen Spiritualismus zu einer bedrohlichen Gefahr für die evangelische Kirche.

Unter diesen Bedingungen entstand der Pietismus. Seine stärkste Kraft erwuchs ihm aus der Selbstbesinnung auf die genuinen Kräfte der Reformation, insbesondere auf die Theologie des jungen Luther. Er macht der lutherischen Orthodoxie den Vorwurf, sie sei dem Anliegen des Reformators untreu geworden. Ihre Lehre sei zwar gut, aber ihr Glaube sei tot und wertlos. Die lutherische Kirche sei in das Papsttum zurückgefallen, in eine falsche Sicherheit und in ein veräußerlichtes Kirchentum geraten. Dieser Schade könne nur durch Rückkehr zum echten Luther behoben werden. Dabei verstehen sich die Pietisten selbst als die wahren Künder seiner Lehre und als rechtmäßige Erben der Reformation. Sie sind davon überzeugt, die Heilige Schrift im Geiste Luthers richtig verstanden zu haben.

Es ist jedoch leicht zu erkennen, daß erhebliche Differenzen zwischen den An­schauungen der Pietisten und der Theologie des Reformators bestehen. Außer den Gedanken Luthers haben mystisch-spiritualistische, calvinistisch-puritanische und humanistisch-aufklärerische Ideen auf den Pietismus eingewirkt. Ja, seine über­raschenden Erfolge hat er gerade dadurch erzielt, daß er es verstand, die positiven Elemente des mystischen Spiritualismus, des Calvinismus und der Aufklärung, der vordringenden geistigen Kräfte seiner Zeit, in produktiver Neufassung mit den lutherischen Gedanken zu vereinen.

Wir müssen also zwischen dem jeweils wissenschaftlich erkennbaren Gedankengut