Nachwort

395

der einzelnen Pietisten und ihrem Selbstverständnis unterscheiden. Wir können ihre Berufung auf den Reformator nicht unkritisch hinnehmen. Jeder Versuch, den Pietismus und Luther in eins zu setzen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Eine lange Zeit geistes- und theologiegeschichtlicher Entwicklung liegt zwischen beiden, in der die Gedanken Luthers einer vielfältigen Umdeutung ausgesetzt waren und es zur Bildung zahlreicher neuer, eigenständiger Ideenkomplexe gekommen ist.

II.

Einer der markantesten Vertreter des deutschen Pietismus ist August Hermann Francke, der weltbekannte hallische Prediger und Seelsorger, Philologe und Theo­loge, Pädagoge und Organisator. Seine vielgestaltige Wirksamkeit ist zutiefst in seiner persönlichen Frömmigkeit begründet. Glaube und Werk, Wort und Tat bilden bei ihm eine organische Einheit und sind auf vielfache Weise miteinander verbunden.

Das Verständnis seiner Frömmigkeit erschließt sich uns am deutlichsten von seinem Bekehrungserlebnis her. Es war ein Geschehen von bezwingender Kraft, das den ganzen Menschen nach Tagen quälender Anfechtung plötzlich, mitten im Gebet, traf. Francke hatte das Gefühl, vom Tode zum Leben gekommen zu sein. Dieses Erlebnis hat seinem Denken und Handeln das bleibende Gepräge gegeben. In dem Bericht darüber, den er einige Jahre später verfaßt hat, begegnen uns bereits die wichtigsten Grundbegriffe und Zentralgedanken seiner Theologie. Seit jener Zeit ist der Ruf zur Bekehrung das Hauptthema seiner Predigten und Schriften. Es wird im Anschluß an den jeweils behandelten Bibeltext immer wieder neu umschrieben und variiert. Es geht um die Existenz des ganzen Menschen, um Leben oder Tod, um Sein oder Nichtsein.

Francke hat den Vorgang der Bekehrung alsOrdnung Gottes bezeichnet und ihn unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet. Nur durch die Ertötung unserer sündigen Natur gelangen wir zur Wiedergeburt, nur durch das Gesetz zum Evange­lium, nur durch einen schmerzhaften Entwicklungsprozeß vomStand der Natur zumStand der Gnade. Drei in sich geschlossene Ereignisse umfaßt der von ernsten Gebeten begleitete Bekehrungsprozeß, der in seinem erschütternden Verlauf jedem Wiedergeborenen unvergeßlich bleibt, die den Vorgang einleitendegöttliche Rüh­rung, den unter harten Anfechtungen sich vollziehendenBußkampf und den entscheidendenDurchbruch des Glaubens. Die Bekehrung kann zwar in Stärke und Dauer verschieden sein, ist aber immer ein zeitlich fest umgrenztes Geschehen, das dem Wiedergeborenen die sichere Gewißheit des Gnadenstandes gibt.

Obwohl die Bekehrung ein persönliches, inneres Erlebnis ist, bleibt sie doch kein isolierter seelischer Vorgang, sondern bildet zugleich die Voraussetzung für ein gott­gewolltes, der Welt zugewandtes Handeln. Sie birgt eine gewaltige Dynamik in sich, die den ganzen Menschen durchdringt. Wer sich einmal der göttlichen Ordnung unterworfen hat, reift mit innerer Notwendigkeit zum tätigen Werkzeug Gottes heran. Sein Leben ist ein ständiges Wachstum im Glauben und in der Liebe. Gute Werke sind die untrüglichen Kennzeichen seiner Frömmigkeit. Eine aktive Wirk­samkeit zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Nächsten offenbart die innerseelische Wandlung des Bekehrten, der nun alle verfügbaren irdischen Mittel einsetzt, um Gottes Gebote zu erfüllen. Diesem Ziel sollen die Jugenderziehung und die Wissen­schaft, die finanziellen Maßnahmen und die wirtschaftlichen Unternehmungen, die personalpolitischen Entscheidungen und die weltweiten Beziehungen des hallischen Pietismus dienen.

Francke hat der Orthodoxie vorgeworfen, daß sie der Tradition den Vorrang vor der Bibel gebe. Sie interpretiere ihre eigenen, konfessionell gebundenen Ansichten in die Schrift hinein, statt sich ihr gehorsam zu unterwerfen. Sie gebe der Philosophie einen weiten Raum in der Dogmatik und überfremde das biblische Gedankengut durch dialektische Fragen und Spekulationen. Ihr Luthertum sei im Grunde einsubtiler Papismus, eine Depravation des christlichen Glaubens.