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Nachwort

ist es verständlich, daß weder die lutherischen noch die mystisch-spiritualistischen oder die calvinistischen Ideen in ihrer genuinen Gestalt zur vollen Auswirkung ge­kommen sind. Die Verschmelzung so stark divergierender Elemente konnte sich nicht ohne innere Spannungen und Widersprüche vollziehen. Infolgedessen ist es zu einer wechselseitigen Einschränkung und Umdeutung der genannten Gedanken gekommen. Ungeachtet dieser vielfältigen Einflüsse bildet jedoch das Gesamtgefüge der Theologie Franckes ein in sich geschlossenes Ganzes, in dem das lutherische Element prägend und gestaltend überwiegt. Francke hat seine Theologie nicht in bewußter Auswahl fremder Elemente mosaikartig geformt, sondern die ihm vielfältig überkommenen Gedanken mit selbständiger Gestaltungskraft zu etwas Neuem vereinigt.

Dabei können wir feststellen, daß der Ansatz seiner Gedankenführung weitgehend den Intentionen Luthers entspricht. Die zentralen dogmatischen Fragen hat er im Geist der lutherischen Lehre beantwortet und Wert auf seine Übereinstimmung mit ihr gelegt. Insofern ist er dem lutherischen Bekenntnis im wesentlichen treu ge­blieben.

Dagegen weist die Durchführung der lutherischen Gedanken vielfach fremde Nuan­cen, Verfärbungen und auch sachliche Veränderungen auf. Lutherische Gedanken bilden oft nur den Anknüpfungspunkt für eine andersartige Ideenfolge. Unter der Einwirkung mystischer, spiritualistischer und refo mierter Gedanken ist es zu prak­tisch-psychologischen, synergistischen und subjektivistischen Erwägungen gekom­men, die der theozentrischen Grundtendenz Luthers geradezu fremd sind. Auf diese inneren Veränderungen und Akzentverschiebungen haben die Gegner Franckes auf­merksam reagiert. Sie haben sein Luthertum in Zweifel gezogen und ihm Subjektivis­mus, Perfektionismus und Pharisäismus vorgeworfen. Seine Lehre von der Not­wendigkeit guter Werke beweise, daß er in katholische Werkgerechtigkeit zurück­gefallen sei.

Es ist kein Zweifel, daß Francke von dem Anliegen beseelt war, den echten Luther neu erstehen zu lassen. Es ist ihm auch gelungen, wesentliche, lange vergessene Intentionen des Reformators wieder zu beleben. Er hatte als gläubiger Realist wie einst Luther ein Organ für die Urkräfte des christlichen Glaubens. Er hatte ein intuitives Gefühl für das dynamische, den ganzen Menschen in Anspruch nehmende Glaubensverständnis des Reformators und empfand die einseitige intellektualistische Interpretation Luthers durch die Orthodoxie als schweren Mangel. Dadurch, daß er aber nun in polemischer Zuspitzung auf die Fragestellung der Orthodoxie einging, ist es zu einer einseitigen Betonung der von der lutherischen Tradition vernachlässigten Gedankenkomplexe Luthers und damit zu einer neuen, eigenständigen Theologie gekommen, die zwar vieles mit der Gedankenwelt Luthers gemein hat, aber niemals mit seiner Theologie gleichgesetzt werden darf.