Nachwort

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fällt sein Auge auf jene Gedankenkomplexe der Theologie Luthers, die eine Inter­pretation im Sinne Arnds möglich machen. Unter dem Eindruck der Gedanken Arnds setzt er eigenwillige Akzente auf die Aussagen Luthers. Die Ideen des quieti- stischen Mystikers Michael de Molinos, dessenGeistlichen Seelenführer er kurz vor seiner Bekehrung aus dem Italienischen ins Lateinische übersetzt hat, haben dann das mystische Element seines Denkens noch verstärkt.

Sodann haben auch die lutherischen Reformtheologen des 17. Jahrhunderts, Theophil Großgebauer, Joachim Schröder, Joachim Lütkemann, Paul Tarnow, Johann Quistorp, Heinrich Müller, Johann Schmidt, Johann Konrad Dannhauer, Christian Kortholt u. a., einen nachhaltigen Einfluß auf Francke ausgeübt. Es sind jene Kreise des Luthertums, die, untereinander selbst weitgehend differenziert, eine durchgreifende Reformation der lutherischen Kirche geplant und durch eine umfang­reiche Anklageliteratur den Boden für den Pietismus vorbereitet haben. Die theologie­geschichtlichen Voraussetzungen dieser Reformtheologie sind vielgestaltiger Art. Eine ihrer wichtigsten Wurzeln ist die Mystik Johann Arnds. Daneben ist das Sonder­gut der reformierten Theologie, ist ferner die englische puritanische Erbauungslite­ratur zu nennen, die vorwiegend von calvinistischen Gedanken geprägt ist, aber auch mystisch-spiritualistische Elemente aufgenommen und auf mannigfachen Wegen sowohl die lutherische Reformtheologie als auch unmittelbar den Pietismus, ins­besondere auch Francke, beeinflußt hat. Sodann haben chiliastische, humanistische und synkretistische Gedankenkomplexe auf die lutherischen Reformtheologen ein­gewirkt. Schließlich hat man sich in diesen Kreisen mit besonderer Aufmerksamkeit den Werken Luthers zugewandt und sich durch ihn bestätigt gefunden. Es entstand ein neues Lutherbild, das dem veränderten Frömmigkeitsideal besser entsprach als das Lutherbild der Orthodoxie.

Mit Philipp Jakob Spener, dem führenden Theologen des Pietismus, stand Francke in naher Fühlung. Durch seinen persönlichen Einfluß, sein Schrifttum und seine erfolgreiche Personalpolitik ist Spener von entscheidender Bedeutung für denLebens- weg, die Theologie und das praktische Werk Franckes geworden. Er hat die genann­ten mannigfaltigen geistigen Strömungen des 17. Jahrhunderts bereits zuvor mit synthetischer Gestaltungskraft zu einer einheitlichen neuen Theologie zusammen­gefaßt. Francke steht theologisch in seinem Schatten. Die wichtigsten Gedanken­komplexe Franckes können weithin auf Spener zurückgeführt werden. Trotzdem bestehen beträchtliche Unterschiede zwischen beiden Männern. Das Gedankengut Speners ist reicher, vielseitiger und umfassender, aber auch anders geschichtet als die Theologie Franckes. Neben den Ideen Luthers, der Mystik, der puritanischen Literatur und der lutherischen Reformtheologie sind bei Spener auch humanistisch­aufklärerische Elemente wirksam geworden, von denen sich bei Francke nur geringe Spuren feststellen lassen. Zusammenfassend kann man sagen, daß Francke die reichen Ergebnisse der theologischen Arbeit Speners bereits übernommen hat, seine mannigfaltigen Anregungen aber konkret auf bestimmte Grundgedanken begrenzt, intensiviert und durch kraftvolle Akzente zur Entfaltung gebracht hat. Durch die entschiedene Realisierung vieler Forderungen Speners, durch die kirchenpolitische Ausrichtung des hallischen Pietismus und durch den konsequenten Angriff auf Orthodoxie und Aufklärung ist Francke weiter gegangen als sein einflußreicher, aber vorsichtiger Freund und Förderer.

Schließlich ist es naheliegend, daß die Reformgedanken Franckes von denBildungs- ideen des Johann Arnos Comenius, von den universalen Plänen seiner Zeitgenossen Gottfried Wilhelm Leibniz, Hiob Ludolf und Heinrich Wilhelm Ludolf und von den Anschauungen der anglikanischen Erweckungskreise angeregt bzw. befruchtet wor­den sind. Man dachte in jener Zeit in weiten Räumen. Universale Pläne wurden er­sonnen, mitgeteilt und empfohlen. Francke stand mit namhaften Gelehrten und zahlreichen Fürstenhöfen in Verbindung. Ein lebhafter Briefwechsel hielt die Be­ziehungen zu Gleichgesinnten im In- und Ausland aufrecht.

Angesichts der Einwirkung dieser mannigfaltigen geistigen Kräfte auf Francke