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Nr. 8 AM. Francke an Ph.J. Später 21. 8. 1690

in Halberstadt auffgehalten, sind zugleich am Sontag, Mont[agJ und Dienstag allhier bey mir gewesen, haben uns miteinander im Herrn erfreuet, erbauet, und gestärcket, und sind nicht ohne gewissen Seegen des Herrn von ein-

15 ander geschieden. Sie haben mir auch noch von mehreren Seelen ihres Orts, so sich dem Herrn ergeben, bericht gethan. Allhier wachset auch durch die barmhertzigkeit des Herrn das heufflein der Frommen und ihr Glaube. Von Leipzig sind nun wol die meisten allhier bey mir gewesen, und habe gesehn, daß der Herr der sie erwehlet hat, noch nicht aus seiner hand verloren hat.

20 Zu Jena hat Herr Sagittarius 14 in epist[olaJ ad M. Wiegelebium 15 sehr hart geredet. 16 Der Herr gebe ihm den Nachtruck in der that und warheit 17 durch das neue wesen des Geistes. 18 Die studiosi verharren noch daselbst in ihrer christlichen Übung. Einige aber wenden sich herüber. 19

Von D. Thomasio 20 versichern mich gute hertzen, daß er gar mercklich

14 Kaspar Sagittarius (23.9.16439.3.1694), geb. in Lüneburg; Studium u.a. 1660 in Jena, 1662 in Helmstedt; 1668 Rektor in Saalfeld, 1671 Magister in Jena, seit 1674 Prof. der Geschichte, 1678 Dr. theol. ebd. (DBA 1074, 353-363; 30, 278; 360, 18f; ADB 30, 171; Jöcher 4, 24-28; Zedier 33, 580; Matrikel Jena, 673; Matrikel Helmstedt 2, 156; Kramer 1, 53. 98f; Herrmann, 268). - Sagittarius stand seit 1689 in Briefwechsel mit Francke und verteidigte den Pietismus als konfessionskonform (Gierl, 107. HOf u.ö.; vgl. Briefe Nr. 12, Z. 50f und Anm. 17 und Nr. 16, Z. 65-68 und Anm. 28f).

15 Johann Hieronymus Wiegleb (19.7.1664-26.10.1730), geb. in Pferdingsleben bei Gotha; 1686 Studium in Jena (1691 Magister), 1691 in Halle; 1692 Berufung zum Subkonrektor an das Gothaer Gymnasium, Streitigkeiten wegen Durchführung erbaulicher Zusammenkünfte; 1701 Rektor und Diakon in Glaucha, 1715 Franckes Nachfolger im Pastorat in Glaucha (DBA 1365, 370-373; Zedier 56, 13; Dreyhaupt 2, 747; Matrikel Jena 2, 890; Kramer 1, 221. 244. 249; Knuth, 54-60; Herrmann, 262; Wotschke, Vockerodt, 46-82, v.a. 49-55).

"' C. Sagittarius, Epistola ad CL. M. Jo. Hier. Wieglebium Thuringum et Petr. Jacob. Langeian Luneburgensem, Jena 1690. - In diesem vom 25.7.1690 datierenden Brief beklagt Sagittarius, daß einerseits Frömmigkeit gelobt und gefordert, andererseits aber derjenige, der intensivere Fröm­migkeit pflegt, sofort ein Pietist genannt werde als sei er ein abergläubischer Mensch. Die Rede vomPietisten" und eine Vermischung mit Bewegungen wie Weigelianismus, Quäckerianismus, Quietismus, Böhmismus oder Chiliasmus sei den Intentionen Johann Arndts oder Speners nicht angemessen. Wieglebs Ehre stehe in Frage, wenn auch er einer Sekte oder Häresie zugeordnet werde (4f).

17 Vgl. ljoh 3,18.

18 Das neue Wesen des Geistes im Gegensatz zum alten Wesen des Buchstabens (Rom 7,6). " Von Jena nach Erfurt.

20 Christian Thomasius (1.1.165523.9.1728), Jurist und Philosoph, geb. in Leipzig; 1669 (!) Studium in Leipzig (1672 Magister), 1675 in Frankfurt/Oder (1679 Dr. jur.); 1679 Anwalt und Dozent in Leipzig; nach vollständigem Rede- und Veröffentlichungsverbot u.a. wegen Vor­lesungen und Veröffentlichungen in deutscher Sprache und eines Rechtsgutachtens für Francke (s. Anm. 21) ab 1690 kurfürstlich brandenburgischer Rat und Prof. jur. an der Ritterakademie in Halle; 1694 o. Prof. jur. an der Universität ebd., 1709 königlich-preußischer Geheimer Rat, 1710 Direktor der Universität in Halle (DBA 1268, 340-376; ADB 38, 93-102; Jöcher 4, 1158-1162; RGG 4 8, 380f; BBKL 11, 1427-1433 [Lit.]; Schräder 1, 8-19. 29-34 u.ö.; R. Lieberwirth, Christian Thomasius. Sein wissenschaftliches Lebenswerk. Eine Bibliographie, Weimar 1955; Christian Thomasius. 1655-1728. Interpretationen zu Werk und Wirkung. Mit einer Biblio­graphie der neueren Thomasius-Literatur, hg. W. Schneiders, Hamburg 1989 [Studien zum achtzehnten Jahrhundert 11]).