Nr. 12 A.H. Francke an Ph.J. Spener 7. 8. 1691
47
Meine defension 15 gegen Carpzfov] 16 sol verhoffentlich bey nicht gar verstockten nicht vergebens seyn, wiewohl dieses vermuthlich ein Grundstein seyn wird vieler Entdeckung der untergedrückten warheit. D. Sagittarii 50 theses 17 werden verhoffentlich schon zu händen kommen seyn. Durch beyge- hendes, alhier (hactenus impune) edirtes Paßquill 18 sind solche gar schändlich und lügenhafft beantwortet.
Der studiosorum sind noch viel mehr hier als in der Rolle angezeichnet stehen, diese aber haben sich unterschrieben in einer Klagschr[ifft] an den 55 Rectorem, den sie um Schutz angeflehet, daß meine Collegia ihnen nicht gehindert würden 19 , unterschiedliche, die anfangs hier gewesen, sind anderswohin kommen. Herr Semmler 20 ist bey Herrn Schwartzen 21 seinen kindern
15 A.H. Francke, Abgenoethigte Fuerstellung/ Der ungegruendeten und unerweißlichen Beschuldigungen und Unwarheiten/ Welche in dem juengst zu Leipzig publicirten Pfingst-Patent enthalten sind/ [...], o.O. 1691 (Francke, Streitschriften, 113-140; Kramer 1, 83ff; Francke-Bi- bliographie Nr. C 2.1—2). Peschke verweist auf handschriftliche Uberlieferungen der Defensions- schrift (Francke, Streitschriften, 117f). Das Werk wurde in Leipzig als Schmähschrift verboten.
16 Johann Benedikt (II.) Carpzov (24.4.1639-23.3.1699), geb. in Leipzig; ab 1657 Studium in Straßburg, Leipzig (1659 Magister), Jena und Basel; 1665 Prof. der Ethik in Leipzig, 1668 Lic. theol. und Prof. der orientalischen Sprachen in Leipzig; ab 1671 zugleich Diakon, 1674 Archi- diakon und 1679 Pfarrer an St. Thomas in Leipzig; 1678 Dr. theol., 1684 Prof. theol. und Pfarrer an der Thomaskirche in Leipzig (DBA 180, 275-277. NF 217, 128-134; ADB 4, 21f; Jöcher 1, 1694f; Zedier 5, 1137; RE 3 3, 727-729; RGG 4 2, 73f; BBKL 1, 937). - Carpzov, der anfangs in freundlicher Korrespondenz mit Spener gestanden hatte (vgl. Spener, Frankfurter Briefe 1, Brief Nr. 117, Anm. 1), veröffentlichte ab 1690 mehrere antipietistische Schriften (vgl. Grünberg Nr. 384—393; Gierl, passim). In dem von ihm verfaßten Universitätsprogramm zu Pfingsten 1691 (Grünberg Nr. 386) wandte er sich gegen die Leipziger pietistische Bewegung und Francke persönlich — allerdings ohne dessen Namen zu nennen. Das Pfingstprogramm wurde der Defensions- schrift Franckes (s. Anm. 15) als Anhang lateinisch und deutsch beigefügt.
17 C. Sagittarius, Theologische Lehr=Saetze von dem Rechtmaessigem Pietismo. Zur Ehre Gottes/ Beruhigung der Christi. Kirche/ und Fortpflantzung der wahren Gottseligkeit/ im Monat Julio, des 1691. Jahrs. Der Titel der lateinischen Ausgabe lautet: Theses theologicae de Pietismo genuino, quas in Academia Jenensi ipso die pii, hoc est XI. Julii Anno MDCXCI. Pie-doctorum examini submittere voluit.
18 Erfurter satirische Gegenschrift zu Sagittarius' Pietismusthesen mit dem Titel: Casparis Sagittarii [...] UnTheologische und abgeschmackte Lehr=Saetze/ vom Pietismo, Nicht zur Ehre GOTTES/ sondern Verwirrung der Christi. Kirche/ und Hinderniß der wahren Gottseligkeit/ im Druck heraus gegeben/ und von einem der Warheit liebenden Mit Gegen=Saetzen Erlaeutert im Monat Julio des 1691. Jahres. Den Abschluß der Schrift bildet eine Liste mit Namen und Herkunftsländern von 34 Theologiestudenten nach dem Vorbild der Bittschrift der Erfurter Studenten vom Juni 1691 (s. Anm. 19). Möglicherweise war Zacharias Hogel (s. Brief Nr. 11, Anm. 6) der Verfasser der Schmähschrift (vgl. Kramer 1, 87).
19 Bittschrift um Wiedererlaubnis der Collegia von 34 Erfurter Studenten an den Statthalter als Rektor der Universität vom 25.6.1691 (W. Breithaupt, Quellen zur Wirksamkeit A.H. Franckes in Erfurt 1690/91 aus dem Archiv der Franckeschen Stiftungen, [Halle] 1989 [Hochschulschriften zum AFSt 73, masch.], 49-51; Kramer 1, 82; Kramer, Beiträge, 125). Zu den Unterzeichnern gehören z.B. Joachim Lange (s. Brief Nr. 55, Anm. 30), Johann Anastasius Freylinghausen (s. Brief Nr. 94, Anm. 5), Georg Andreas Meißner (s. Anm. 31) und Johann Andreas Schilling (s. Brief Nr. 10, Anm. 27).
20 Gebhard Levin Semler (s. Brief Nr. 10, Anm. 26).
21 Johann Heinrich Schwarz (geb. um 1654), seit 1682 Bürger und Portraitmaler in Lübeck,