Nr. \6 AM. Francke an Ph.J. Spam 16. 1. 1692

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Ich habe resolviret publice über das Psakerium und über Epist[ola] ad 55 Hebraeos zu lesen 18 , doch nicht eher als biß ich in allem werde installiret seyn. Die von Leipzig zu uns kommen 19 , confirmiren sehr, was ich gegenwärtig von Wolters 20 gemeldet, und erzehlen greuliche dinge, auch daß Wolters den Graffen von Calenberg 21 zum duel gereizet, ja daß er wol selbst im Glauben wolle Kugel wechseln. Er logiret bey der Freyin Reichenbachin 22 . Es ist 60 hochnöthig den armen verführten Seelen den betrug vorzustellen, ich will es an meinem Ort thun D[eo] vfolente].

In Leipzig werden die Acta Lipsiensia 23 wie auch meine Halberstjadtische] pred[igt] 24 so mit einer praefation ohne mein wissen ediret ist 25 , ohne scheu

18 Francke zeigte seine Vorlesungen am Sonntag Invocavit (13.2.1692) an (Annales, 385).

19 Im Tagebuch erwähnt Francke namentlich Samuel Voigt und Herrn Oehmichen (10.1.) sowie als Reisende von Erfurt über Leipzig außer Elers und Sultzberger (13.1., s. Z. 69f) die Herren Dreßler und Mecklenburg (14.1.) (Krämer, Beiträge, 168-170).

20 Christian Theodor Wolters, Sohn eines Drechslers aus Salzwedel, studierte für kurze Zeit Theol. in Helmstedt; hielt sich dann im Mecklenburgischen und zwischen 1685 und 1691 mehr­fach in der Schweiz auf; führte 1689 in Zürich und Bern Konventikel durch, wurde wegen des Verdachts perfektionistischer Lehren ausgewiesen; kam 1691 nach Dresden, wurde 1692 auf die Festung Spandau gebracht und 1694 nach der Vernehmung durch eine theol. Kommission unter Speners Leitung und Absage an antinomistische Lehren wieder freigelassen (Cons. 3, 748; LBed. 3, 724-728; Grünberg 1, 506f; Schicketanz, 142f; Dellsperger, 37f; vgl. Brief Nr. 89, Z. 3-6). - Spener setzte sich in den Vorreden zu dem Predigtband Die Seligkeit der Kinder Gottes [...], Frankfurt 1692 (s. Brief Nr. 37, Anm. 20) und zu Sprüche Heiliger Schrifft/ [...], Frankfurt 1693 (s. Brief Nr. 20, Anm. 42) mit Wolters auseinander.

21 Kurt Reinicke IL, Graf von Callenberg, Standesherr zu Muskau (22.10.1651-20.4.1709); königlich polnischer und kurfürstlich sächsischer Geheimer Rat und Kammerherr, 1702 als Pre­mierabgesandter am kaiserlichen Hof (DBA 174, 300-301; Zedier 5, 268; Schwennicke NF 8, Tafel 148). - Die Identifikation ergibt sich aus dem Umstand, daß in der Folge der Muskauer Pfarrer Ludwig Friedrich Barthol in die Angelegenheit einbezogen wird (vgl. Briefe Nr. 17, Z. 37-40 und Anm. 26 und Nr. 18, Z. 48-55).

22 Wohl Maria Sophie von Reichenbach, geb. von Friesen, die sich im Sommer 1691 in Lüneburg aufhielt, 1692 Rosamunde Juliane von der Asseburg (s. Brief Nr. 15, Anm. 17) auf ihrem Gut in Jahnishausen bei Dresden aufnahm und später die Franckeschen Anstalten materiell unterstützte (Matthias, 264-267; Witt, 165; Briefe von Reichenbachs an Francke aus den Jahren 1700-1718 befinden sich im AFSt/H A 171; 166. 180f und in der SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 5).

23 Gerichtliches Leipziger PROTOCOLL In Sachen die so genannten Pietisten betreffend/ Samt Hn. CHRISTIAN THOMASII berühmten JC. Rechtlichem Bedencken darüber; Und zu Ende beygefuegter APOLOGIA oder DEFENSIONS-Schrifft Hn. M. Augusti Hermanni Franckens/ An Ihro Chur=Fuerstl. Durchl. zu Sachsen. [...] Im Jahr Christi 1692 (vgl. Francke, Streitschriften, 1-111; AFSt/H D 95: 965-1046; A 111 I: 1-61 mit D 84: 6f; D 53: 1 a-d [Ab­schriften und Entwürfe]; Francke-Bibliographie Nr. C 6.1). Francke berichtet in seinem Ta­gebuch, daß er bereits bei seiner Ankunft in Halle die Acta Lipsiensia und seine Apologie an den Kurfürsten gedruckt vorgefunden habe (Kramer, Beiträge, 168).

24 S. Brief Nr. 14, Anm. 9.

25 Franckes Predigt war von dem Frankfurter Verleger Michael Brodhagen ediert worden. Aus der anonym verfaßten Vorrede geht hervor, daß die Edition in wohlmeinender Absicht veranlaßt worden war.