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Nr. 2\ A.H. Francke an Ph.J. Später [23.2. 1692 (?)]

Dero geliebten Sohn dem Studioso 6 habe gerathen was im Latein ver­säumet, ein wenig nachzuholen, dem zu folgen er sich Herrn M. Crophii 7 Information dißfalls bedienen wird. Ich hoffe ja es werde also wolgefällig seyn. Er berichtet mich, daß dieselben auch wol gesonnen wären den Maxi- 15 milianum 8 hieherzuthun, in welchem Fall ich alle treue an Ihm zu erweisen verspreche, so ist auch Herr Deichmann Theol. Candfidatus] 9 bereit, ihn in meinem Hause zu sich auff die Stube zu nehmen, und so viel Gott gnade geben möchte, zum guten anzuführen. Der Herr schicke alles nach seinem wolgefallen.

20 Sonst äußert sich hier nun immer mehr und mehr die Gnade und der Seegen unsers lieben Gottes. In den vorigen wochen haben wir fast alle tage etwas ungewöhnliches erfahren an einigen studiosis, deren einer nach dem andern in einen sonderlichen zustand gesetzet worden, einige mit ungemeiner und übernatürlicher Freude überschüttet, andere mit scharffer contrition

25 und vielen thränen mit bezeugung daß ihnen ihr gantzes hertz gleichsam im Leibe zerschmoltzen wäre, oder daß es wäre als wolte ihnen das hertz aus dem Leibe springen, oder wenn etwas kräfftiges vom worte Gottes geredet worden, als führe es wie ein blitz durch alle Glieder, anderer Umstände zu geschweigen, die so kurtz nicht mögen berichtet werden. 10 Ihre Namen,

30 wie sie nacheinander in solchen Zustand, der doch immer bey einem anders ist als bey dem andern, kommen sind, sind folgende: Stöphasius 11 , Köhler 12 ,

11 Dero ] + (eltern(?)). 11 /dem Studioso/.

6 Wilhelm Ludwig Spener (s. Brief Nr. 16, Anm. 7).

7 Johann Baptist Croph (s. Brief Nr. 20, Anm. 17).

8 Christian Maximilian Spener (31.3.1678-5.5.1714), geb. in Frankfurt a.M.; ab 1692 Schul­bzw. Universitätsbesuche in Glaucha, Halle, Merseburg und Grimma; 1697 Dr. med. in Gießen, Aufenthalte in Straßburg und Holland; 1701 königlicher Hofmedicus in Berlin, 1703 Prof. Genea- logiae, Heraldicae, Philosophiae naturalis an der Ritterakademie sowie Medicus Ordinarius ebd., 1704 königlich preußischer Heroldsrat; 1711 Comes palatinus cäsareus des sächsischen Kurfürsten und Königs von Polen; 1713 erster Prof. Anatomiae im Theatro anatomico in Berlin (DBA 1200, 428-431; Jöcher 4, 722f; Zedier 38, 1485; Matrikel Halle, 425; Stolberg Nr. 21220).

9 Wohl Heinrich Johann Deichmann, Studium 1686 in Jena, 1689 in Kiel und Helmstedt; im November 1692 von Breithaupt (s. Anm. 24) nach Berlin empfohlen (Matrikel Helmstedt, 25, Nr. 981; Matrikel Jena 2, 201; Matrikel Kiel, 36, Nr. 1826; vgl. Breithaupt an Spener 12.11.1692, AFSt/H D 88: 37-38, PS).

10 Francke berichtet von densonderlichen Zufällen" bei den im folgenden erwähnten Studenten in seinem Tagebuch vom 15. bis 17.2.1692 (Kramer, Beiträge, 176f). Die meisten der genannten Namen lassen sich teils in der Hallenser, teils in der Leipziger Matrikel nachweisen. Dem entspricht Franckes Bemerkung vom 15.3.1692, daß viele Studenten von Leipzig nach Halle kämen (vgl. Brief Nr. 22, Z. 50-54).

11 Wohl Johann Stöphasius (1674-29.9.1726), geb. in Wollin/Pommern; 1691 Studium in Leipzig; 1696 Pfarrer in Fiddichow/Pommern (Matrikel Leipzig, 644; Pfarrerbuch Pommern 1, 44; Wotschke, Pommern 1, 48-52; Heyden, Stargard, 64. 86).

12 Möglicherweise [Christian (?)] Köhler, der sich am 1.9.1691 in Erfurt in das Stammbuch Johann Christian Ernst Machenhauers (s. Brief Nr. 79, Anm. 18) eingetragen hatte (Blaufuss, 173. 191).