Nr. 22 A.H. Francke an Ph.J. Später 15.3. 1692
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hergesant würden. Die andere teutsche refutation des imag[inis] 9 ist so viel is ich weiß von Herrn Sprögeln 10 ausgefertiget, zwar ziemlich scharfF, ich kan es aber an einem andern nicht tadeln, was vielleicht meinem wege nicht gemäß wäre. Solche unreine Köpffe erfordern wohl eine schärfFere lauge. 11
Wegen des jüngst uns zugesandten brieffes eines mit dem Atheismo luc- tirenden Menschen 12 sende hiebey den anfang und fortgang meiner be- 20 kehrung. 13 Weil die Exempel mehr zu moviren pflegen, und gewiß eben dergleichen damahls in meinem Gemüth vorgegangen, könte solches, so es rathsam befunden wird, quanquam nomine meo plane suppresso, communi- ciret werden. Es kommet doch alles darauff an, daß die vernunfft sich dem Glauben unterwerfFe, und der Mensch nicht den rühm behalte, daß er es 25 selbst erlauffen habe, sondern daß sich Gott über alles erbarme.
Sende auch hierbey ein Schreiben von Herrn D. Brücknern 14 betreffend die ecstaticam Erffurtensem 15 . Wenn es remittiret wird, bitte zugleich zu berichten, was dero Meynung davon sey, daß Herr D. Brückner die Sache
9 J.H. Sprögel, Abgenoetigte Antwort [...], o.O. 1692 (s. Brief Nr. 20, Anm. 12). Francke hatte Sprögels Refutation wohl am 1.3.1692 erhalten (die Angabe „11.3." im Tagebuch [vgl. Kramer, Beiträge, 178] dürfte auch im Blick auf die Tatsache, daß an dieser Stelle sonst die Chronologie von Franckes Aufzeichnungen unterbrochen wäre, ein Schreib- oder Druckfehler sein).
10 Johann Heinrich Sprögel (s. Brief Nr. 8, Anm. 10).
" Vgl. das Sprichwort „Scharpffe Laug macht den Kopff sauber" und die Deutung von Gen 6—9 „Gott wusch mit der scharfen Lauge der Sintflut der sündigen Welt den Kopff"; die Erfahrung, daß die Lauge (das Gegenmittel) um so schärfer sein muß, je größer die Verunreinigung (die Sünde) ist, ist beide Male vorausgesetzt (vgl. Wander 2, 1820).
12 Nicht ermittelt.
13 H.M. August Hermann Franckens vormahls Diaconi zu Erffurt, und nach dem er daselbst höchst unrechtmäßigst dimittiret, zu Hall in Sachsen Churf. Brandenburg. Prof. Hebraeae Linguae, und in der Vorstadt Glaucha Pastoris Lebenslauff (AFSt/H D 66: 203—233; abgedruckt in: Lebensläufe August Hermann Franckes, hg. M. Matthias, Leipzig 1999 [Kleine Texte des Pietismus, 2], 5-32; vgl. Francke, Werke in Auswahl, 4—29; Kramer 1, 5-36; ders., Beiträge, 28—55). Der Titel des Bekehrungsberichts stammt wohl von Kaspar Sagittarius (s. Brief Nr. 8, Anm. 14), dem Francke den Bericht um 1694 zusandte (vgl. Francke, aaO, 4f). Francke konnte den Bericht zu diesem Zeitpunkt aber nicht fertigstellen, so daß er ihn erst am 22.3. mitschickte (vgl. Z. 86f und Briefe Nr. 23, Z. 33f u. Nr. 24, Z. 5f).
14 Georg Heinrich Brückner (s. Brief Nr. 7, Anm. 38).
15 Anna Maria Schuchart, in Erfurt Magd des Juristen Johann Gottfried Schmaltz; hatte seit Dezember 1691 Ekstasen und chiliastische Offenbarungen; zog im Januar 1692 in das Haus des Juristen Brückner (s. Anm. 14), der sie wie auch Johann Baptist Croph (s. Brief Nr. 20, Anm. 17) beobachtete und über sie berichtete; ging im Herbst 1692 nach der Ausweisung aus Erfurt nach Halle, wo sie im Oktober ihre Stigmatisierung erlebte; zog wohl zu Beginn des Jahres 1693 nach Quedlinburg und 1693/94 mit einer Gruppe radikaler Pietisten nach Pennsylvania, wo sie ihre Prophezeiungen fortsetzte (F. de Boor, Anna Maria Schuchart als Endzeit-Prophetin in Erfurt 1691/92, in: PuN 21, 148-183; Wallmann, Theologie und Frömmigkeit, 346-349; Witt, 33-39. 46. 51. 59 u.ö.; vgl. Briefe Nr. 54ff). - Das Schreiben ist nicht überliefert. Francke hatte die Informationen über Schuchart, auch „dubia so wegen derselben moviret werden" und „was in der Erfurttschen commission contra Pietismum passiret" aus Erfurt am 5.3.1692 erhalten (vgl. Kramer, Beiträge, 179).