128 Nr. 31 Ph.J. Spener an A.H. Francke 16.7.1692
31. Ph.J. Spener an A.H. Francke
Berlin, 16. Juli 1692
Inhalt
Äußert verhalten Kritik an einer zu rigorosen Kirchenzuchtpraxis. Hält die Wahl eines anderen Beichtvaters für legitim. Christian Friedrich von Kraut will sich in der Angelegenheit für Francke einsetzen. Will selbst an Johann Christian Olearius schreiben und warnt vor Beratung durch Christian Thomasius. Erläutert den Unterschied zwischen Inquisition und Zeugenanhörung. — Heinrich Wedda hat sich als Betrüger erwiesen. — Sendet Beilage für Christian Maximilian Spener. - Druck von Franckes Predigt ohne Zensur könnte neue Unruhe verursachen.
Überlieferung
A: AFSt/H A 125: 10
D: Kramer, Beiträge, 233-235; Tholuck 1, 21-22
Göttliche gnade, friede, liecht, rath, trost, krafft und sieg in Christo Jesu! In demselben hertzlich geliebter Bruder und Herr.
Was ich allemahl schreibe wird derselbe niemal anders annehmen, alß das ich meine meinung und wie ichs zu jeder zeit bey mir finde vorstelle, nach-
5 mal aber meines guten freundes eigenem gewißen überlaße, wie ers vor Gott finde, daher nimmer verlange, das einer meines gutachtens wegen das wenigste thun solte, wo ihm sein gewißen widerspräche, und sich mit dem was ich angeführet hätte nicht vergnügen oder recht beruhigen könte. Wie ich mich dann wol bescheide, nicht nur insgemein, das die herrschafft über
lo das gewißen Gott allein zustehe, sondern auch absonderlich in diesem und jenem fall Gottes werck sich weise, und derselbe offt ein gewißen eines seiner diener rühre zu demjenigen, was er mit ihm vorhat, da ich mich nicht under- stehe, alß den des Herrn werck zu hindern, sondern in stille den außgang erwarten muß.
15 In diesem fall hat geliebter Bruder so recht, weil die personen die beßerung auch nicht haben zusagen wollen, das ihm auch von dem richter die sache selbs nicht abgesprochen werden kan. Wo es aber auff andre fälle kommen solte, und dinge beträffe, die wir sünde zu sein erkennen, aber von der obrig- keit zugelaßen werden, und sich die leute darauff besteiffen, oder da sie
20 beßerung zusagen, da wir doch menschlicher weiß wenige hoffnung, das es ihnen ein ernst seye, haben könen, sondern vielmehr heucheley besorgen müßen, da wird das jenige eigenlich angehen, was ich gemeldet, das wir in einigen dingen zurücke bleiben müßen, wie weit wir sonsten zu gehen hät-
11 /ofFt/. llf/seiner diener/. 14 /er/warten. 21 be/sorgen(?)/ : be(statet(?)).