134

Nr. 32 AM. Francke an Ph.J. Spener 19. 7. 1692

Halloren 13 , welcher des Superintendenten zu Hildesheim 14 leiblicher bruder ist, an dem er sonst einen götzen gehabt, und der wahren Erkentniß ziemlich wiederstanden, nun aber von seiner verwandschafft viel Spott und Schmach gerne erduldet, ohne das sein weib 15 und eine verwantin, die er bey sich hat 16 die warheit auch lieben.

Was von der Erleichterung meiner arbeit geschrieben worden, daß ich die studiosos zuweilen solte für mich predigen lassen, 17 solches würde mich, so ichs selten thäte, wenig oder nichts helffen, weil meine predigten keine lange meditation praerequiriren, so es aber offt geschähe, würde es mich des grösten Seegens berauben. Nun Gott mein hertz stärcket, daß der innere Mensch nicht zugleich leidet, mache ichs so, daß ich eine Zeitlang frisch ar­beite, und wenn ich mercke es möchte doch genug seyn, suche ich die Ruhe mit Gewalt. Meine arbeit und zugleich Freude gehet nun wieder ziemlich an mit den Kindern, da sich so wohl Knaben als Mädchen so wohl öffentlich in der Kirche bey meinem examine, als auch im hause sich fleißig bey mir einfinden, und feine liebe zum worte Gottes bey ihnen verspüret wird. Ich habe eine ziemliche partey von Nfeuen] Testamentern von Lüneburg bringen lassen 18 , weil aber die leute mehrentheils arm sind, muß ich sie fast alle ver- schencken, finde aber dadurch große auffmunterung bey alten und jungen. Sölten wieder einmahl für das armuth Gelder hieher deputiret werden, könte es dazu angewant werden. Die leute beschreibens: das buch, da es so drinnen stünde, wie ich predige.

Indessen machen mir die prediger in der Stadt 19 mit ihrem schändlichen lästern die Gemeine sehr irre, absonderlich daß sie nun um neue Mähre zu hören, häuffig in die Stadt lauffen. Sie sind ja, als wenn sie rasend und un­sinnig worden wären, daß auch nur einiger massen erbare leute ein abscheu dafür haben. Ich sende auch hiebey eine copiam von dem was die Studiosi in ihren predigten nachgeschrieben 2 ", wiewohl dieses das wenigste ist, so bißhero passiret. Ich habe nun eine supplic an S[eine] Churfürstliche Durch-

33 Halloren ( Hallorum.

13 Nicht ermittelt.

14 Johannes Riemer (11.2.1648-10.9.1714), geb. in Halle; 1670 Studium in Jena, Prof. eloquentiae am Gymnasium in Weißenfels; Pastor Primarius in Osterwieck/Harz; 1690 Super­intendent in Hildesheim, 1693 Dr. theol. in Helmstedt, 1704 Pfarrer an St. Jacobi in Hamburg (DBA 1037, 392-416; ADB 28, 564; Jöcher 3, 2094f; Dreyhaupt 2, 697f; Matrikel Jena 2, 641).

15 Nicht ermittelt.

16 Nicht ermittelt.

17 Dies hatte Spener in seinem Brief vom 9.7.1692 vorgeschlagen (s. Brief Nr. 28, Z. 56 59).

18 Es dürfte sich um Exemplare der Auflage des Neuen Testaments deutsch durch Johann von Stern in Lüneburg (Paisey, 252) aus dem Jahr 1685 handeln.

15 S. Brief Nr. 22, Anm. 49. 211 Nicht überliefert.