Nr. 59 Ph.J. Später an A.H. Francke 29. 11. 1692

231

zu sein wünschte: Dann sonsten hätte gehofft, er würde sich in der sache coram Commissariis stellen, darzu er sich auch verbindlich gemacht. Jetzt aber mag er wegen jener citation metum als justam causam non comparendi' x vorschützen, u. bleibet also das vornehmste stecken. Ich möchte auch wißen, was wegen Herrn rectoris ly und M. Drachstätten 20 vorgegangen, also dero sache auch der commission auffgetragen worden. 21 Das temperament wegen Herrn D. Breithaupts collegii u. gelfiebten] Bruders hauß betstund 22 gefeilet mir sehr wol, und dancke Gott billich davor. Mir war auch bange, es möchte wegen der A[nna] Maria Schucharten 23 etwas vorkommen, dann auch solches schon zimlich eclattirt. 24 Es macht ferner neues auffsehen, was nechst her- außgekommen wegen Kratzensteins von Quedlinburg 25 , und können sich viel daran stoßen, das man sich kaum genug über göttliches gericht verwundern muß, welches immer neue stein des anstoßes 26 in deren weg geworffen

37 /das vornehmste(?)/ : (jenes). 40 /collegii/. 40 /hauß/.

18 Lat. Furcht als rechtmäßigen Grund, nicht zu erscheinen.

19 Johannes Prätorius, Rektor des Gymnasiums (s. Brief Nr. 16, Anm. 45).

20 Johann August Drachstedt (s. Brief Nr. 50, Anm. 28).

21 Prätorius war am 25.11., Drachstedt am 21.11. von der Kommission vernommen worden (D 92: 171 bzw. 129f). Genauere Angaben werden nur zum Verhör Drachstedts gemacht (vgl. Brief Nr. 60, Anm. 5 und Nr. 61, Z. 25-28).

22 Gemeint sind die mündlichen Vereinbarungen der Kommission mit Joachim Justus Breit­haupt (s. Brief Nr. 7, Anm. 36) und Francke über das Collegium biblicum bzw. die Abendbet­stunden, wie sie am 26.11. getroffen worden waren (s. Brief Nr. 58, Z. 95105 und Anm. 33).

23 Anna Maria Schuchart (s. Brief Nr. 22, Anm. 15).

24 Eclattieren Aufsehen erregen. Vgl. zu den Vorgängen um Schuchart Briefe Nr. 55, Z. 32-40 und 52-63 und Nr. 57, Z. 32-37 und Anm. 19.

25 Heinrich Kratzenstein (16492.6.1696), geb. in Thale; Goldschmied und Branntweinher­steller in Quedlinburg; behauptete, seit 1691 Offenbarungen in Träumen zu haben, aufgrund derer er sich als Bote des nahen tausendjährigen Reiches zu Angriffen auf die Äbtissin und die Quedlinburger Prediger, z.B. den Superintendenten Sethus Galvisius (s. Brief Nr. 14, Anm. 13) und den Oberhofprediger Christian Scriver (s. Brief Nr. 14, Anm. 3) genötigt sah; erklärte seine seit 23 Jahren bestehende Ehe mit Anna Sophia geb. Röseler für nichtig und meinte, er müsse nach göttlichem Willen das Kammermädchen der Äbtissin, Anna Catharina Büsterin, heiraten; November 1692 Inhaftierung zunächst durch das Konsistorium, dann durch die Vogtei und in der Folge zahlreiche Verhöre und ärztliche Untersuchungen; Anfang 1693 Erklärung der von der Kirche vollzogenen Handlungen für Götzenwerk und spiritualistische Auffassung vom Abend­mahl; 12.8.1693 Staupenschlag; nach vergeblichen Bitten von Anhängern um Freilassung Tod im Gefängnis (M. Wölfl", J.H. Sprögel, CHRONICON QUEDLINBURGENSE, o.J., 506-556; [Anonym], Eine Rede über den seeligen Abschied Henr. Kratzensteins/ Vormals Buergers und Goldschmieds in Qvedlinburg/ Und hernach Eines getreuen biß auffs Blut bestaendigen Zeugens der Wahrheit: Als er Im Jahr 1696. den 2Junii Daselbst in seinem Gefaengnis frölich und see­lig verschiede/ gehalten Zu einem Zeugnis der goettlichen und ewigen Wahrheit. Nebst einem Send-Schreiben an einen guten Freund von dieser Rede, o.O. 1696; [Anomym], Des Qvedlin- burgischen Ertz-Schwermers und Quaker-Propheten/ Heinrich Kratzensteins Geschichte/ Aus seinen eigenhändigen Brieffen und Schrifften/ auch andern [...] Uhrkunden zusammen gezogen, o.O. 1701; FE. Kettner, Kirchen- und Reformations Historie/ Des kayserl. Freyen weltlichen Stiffts Qvedlinburg/ [...], Quedlinburg 1710, 267-276; Schulz, 69-76).

26 Vgl. Jes 8,14.