Nr. 66 Ph.J. Später an A.H. Francke 24. 12. 1692

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66. Ph.J. Spener an A.H. Francke

Berlin, 24. Dezember 1692

Inhalt

Trauert über Veit Ludwig von Seckendorfs Tod. - Ist durch Nachricht Christian Friedrich von Krauts verunsichert, ob Francke einer Versetzung nach Calbe nicht doch zustimmt. Erwägt Argumente für und gegen eine Translokation und erbittet ein deutliches Votum. - Frau Adelheid Sybille Schwarz ist mit Johann Baptist Croph in Berlin.

Überlieferung

A: AFSt/H A 125: 26

D: Kramer, Beiträge, 280-282; Tholuck 2, 15-16

Jesum unsren erst gebohrnen Bruder mit allen seinen uns vom Himmel

gebrachten gütern!

In demselben hertzlichgeliebter Bruder und Herr.

Ich habe vorgestern unsers lieben Herrn von Seckendorff 1 unverhofften todesfall mit billicher betrübnus verstanden 2 , und bin nochmal mit diesem, wie so vielen andern, exempel bekräfftigt worden, daß wo ich anfange ein sonderliches vertrauen hinzutragen, daß es alßdann gemeiniglich am nechsten dabey seye, das mir Gott solche entziehen wolle. Nun er ist der Herr, und thut nach seinem recht was er will, und doch alles nach heiligem, gütigem u. weisem rath: daher er verdienet gepriesen zuwerden in allem, er gebe oder nehme 3 . Ihm seye danck, vor alles was er dem seligen Mann jemal erwiesen, sonderlich das er ihn von etlichen jähren her mehr als vorhin zu sich zuziehen angefangen 4 , und ihn nun zuletzt gleichwol zu einem werckzeug gebraucht etwelcher niderlegung des vorigen lermens, dazu ihn der Herr noch solange mag erhalten haben: wie ich auch davor halte, wo er nur ein paar tage eher gestorben, es würde das ministerium sich der ablesung 5 auffs neue difficultiret haben, darzu sie auch nicht anders alß wider willen gekommen sind. Es vergelte der Herr ihm dorten die gute intention, die er in ihme gewircket

7 /es/. 8 /er/. 11 jemal ] einmal: D. 18 dorten ] dartzu: D.

1 Veit Ludwig von Seckendorf (s. Brief Nr. 1, Anm. 4).

2 Spener muß, da er Franckes Brief vom 20.12.1692 (Brief Nr. 64) bisher nicht erhalten hat (vgl. Z. 2325), aus anderer Quelle vom Tod von Seckendorfs am 18.12.1692 erfahren haben.

3 Vgl. Hi 1,21.

4 Spener meint wohl, daß sich mit von Seckendorfs Rückzug auf sein Gut Meuselwitz 1682 und den kirchengeschichtlichen Studien auch eine intensivere Frömmigkeitspflege verbunden hat.

5 Kanzelabkündigung der Ergebnisse der Untersuchungskommission (s. Brief Nr. 62, Anm. 5).