Nr. 77 A.H. Fmmkc an Ph.J. Spener 17. 2. i693
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wird nun allen die thür auffgethan, daß sie nichts vorwenden können. 4. Weil ich bißher ohne dem mit der abendbetstunde das kinder examen conjungi- ret, dem auch die alten beygewohnet, nehme ich nun solches auch mit in 25 die kirche, da auch beßere Gelegenheit ist, daß es mit größerm Nutzen der kinder und der alten kan angestellet werden, und habe also nun eine tägliche Catechismus Übung in der Kirchen. 5. Da ich ohne dem gewünschet, daß man eine feine praeparation der Confitenten und Communicanten haben möchte, und in meinen haußbetstunden solches auch nach müglichkeit ob- 30 serviret, finde nun auch hierzu überflüßige Gelegenheit p[erge]. 6. Da ich jetzo in den Freytags predigten Arends 5 wahres Christenthfum] 6 von Capitel zu Capitel aus denen über jeden Cap[itel] stehenden Sprüchen tractire, und um des willen bißhero des tages vorhero das vorhabende Capitel aus dem Arend selbst gelesen, und die leute zugleich mit deutlicher darstellung der ob- 35 handenen materie und deren nothwendigkeit und nutzbarkeit zur folgenden predigt praepariret 7 , kan solches nun, weil es so wol als die predigt selbst öffentlich geschiehet, mit desto größern nutzen verrichtet werden. 7. Weil ich auch bißanhero in der Sonnabends betstunde die Leute zu dem folgenden
5 Johann Arndt (27.12.1555—11.5.1621), geb. in Edderitz in Anhalt, einer der umstrittensten und zugleich einflußreichsten luth. Theologen bzw. Erbauungsschriftsteller (vgl. Anm. 6); Studium (Theologie, Medizin, insbesondere Paracelsus) in Helmstedt, evtl. Wittenberg, Basel und Straßburg, 1583 Diakon in Ballenstedt, 1584 Pfarrer in Badeborn, 1590 Amtsentsetzung wegen Weigerung, sich calvinisierenden Tendenzen (Johann Georg von Anhalt) zu unterwerfen, und danach Pfarrer in Quedlinburg; 1599 in Braunschweig, 1609 in Eisleben; 1611 Generalsuperintendent des Fürstentums Braunschweig-Lüneburg in Celle (DBA 32, 179-296; ADB 1, 548- 552; Jöcher 1, 552-553; EB 1, 1107f; TRE 4, 121-129; RGG 4 1, 788f; J. Wallmann, Johann Arndt und die protestantische Frömmigkeit, in: D. Breuer [Hg.], Frömmigkeit in der frühen Neuzeit, Amsterdam 1984 [Chloe 2], 50-74; Wallmann, 12-16. 48-50. 121-124; Wallmann, Pietismus, 12-24; H. Schneider, Johann Arndts Studienzeit, in: JGNKG 89, 1991, 133-175; M. Brecht, Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, in: GdP 1, 113-203, hier 134-151).
6 J. Arndt, Vier Bücher vom wahren Christentum, Erstausgabe Frankfurt/Main 1605 (Buch 1), Magdeburg 1610 (Bücher 2—4). — Das im 17. Jahrhundert erweiterte Werk (5. und 6. Buch) erlebte bis 1740 ca. 95 Auflagen in deutscher Sprache, wozu im 17. Jahrhundert Übersetzungen ins Tschechische, Niederländische, Englische und Schwedische und ab dem 18. Jahrhundert in weitere Sprachen kamen. Obwohl das „Wahre Christentum" bald nach seinem Erscheinen v.a. wegen des deutlichen Einflusses paracelsistischer und mystischer (Valentin Weigel) Gedanken theologisch heftig umstritten war, wurde es zum verbreitetsten lutherischen Erbauungsbuch des 17. und 18. Jahrhunderts und zu einem zentralen Bezugspunkt lutherischer Reformbestrebungen (E. Weber, Johann Arndts Vier Bücher vom Wahren Christentum als Beitrag zur protestantischen Irenik des 17. Jahrhunderts. Eine quellenkritische Untersuchung, Studia Irenica 2, Hildesheim -M978; H. Geyer, Verborgene Weisheit. Johann Arndts „Vier Bücher vom Wahren Christentum" als Programm einer spiritualistisch-hermetischen Theologie, 2 Bde., Berlin 2001 [AKG 80]).
7 Francke hatte 1692 freitags über die Kirchenzucht gepredigt und 1693 mit der Auslegung des Wahren Christentums begonnen (vgl. Francke, Glauchisches Gedenkbüchlein [s. Brief Nr. 80, Anm. 5], 143-145). Die Predigten sind nicht überliefert. Zur Funktion der Arndtrezeption im Kontext der Auseinandersetzungen um den Pietismus vgl. V. Albrecht-Birkner, Zur Rezeption Johann Arndts in Sachsen-Gotha (1641/42) und in den Auseinandersetzungen um den Pietismus der 1690er Jahre, in: PuN 26, 2000, 29-49.