Nr. 79 Ph.J. Später an A.H. Francke 11.4. 1693

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orts Herrn Lüchten 9 , dem es gewißer ursach wegen allerdings nützlich, com- municirt werde. Einige ort will ich mir reserviren. Ich hoffe, es solle hiemit nicht allein viel sonst noch in Pommern besorgtes Unglück, davor mich eine 35 gute weil hertzlich geförcht, abgewendet, sondern daselbs und anderwerts unterschiedliche Seelen, die sich durch die meinung der Vollkommenheit, und einbildung eigner gerechtigkeit starck einnehmen laßen, auffs wenigste in einer schwehren anfechtung derselben stehen, darvon befreyet, und auff die einige gerechtigkeit Jesu Christi, solche vor Gottes thron zubringen, wider 40 gebracht werden, aufF die darnach eine nicht gesetzliche gerechtigkeit des lebens gebauet werden möchte.

Ich halte deswegen auch nötig, das geliebter Bruder das uns hier vor einiger zeit zu lesen zugesandte tractätlein, da einige wenige stücke, so damal bemercket, geändert wären, fein bald heraußgebe. 10 Weil auch auß dieser 45 gelegenheit gehöre, wie bereits vor einem jähr Herr Westphal 11 in dieser art anfechtung ein betrübtes ende genommen; auch auß diesem auffsatz sehe, das Herr Care von Herrn Raben 12 sorget, er stehe mit ihm in gleicher gefahr, so komme in die sorge, weil diese die fast erste gewesen, so sich an gelfiebten] Bruder gehalten 13 , ob derselbe sich etwa damal in solchen materien nicht so deutlich gnug erklähret, oder sie denselben nicht recht gefaßt, oder doch selbs durch eigene irrige gedancken sich vergangen: daher hertzlich beten wolte, das nicht allein Herr Rab, sondern weßen sich gel[iebter] Bruder noch er­innerte, von dem er zusorgen hätte, das er in diesem grundarticul der allein- gerechtmachenden gerechtigkeit Jesu Christi die Wahrheit nicht gründlich 55

35f /eine gute weil/. 41 die ] + (sich). 48 Care ] Carl: D. 52 /sich/. 54 /durch/. 54 / er/ : (so(?)>.

9 Heinrich Lucht (um 166526.3.1723), geb. in Schenkenberg bei Delitzsch; 1686 Studium in Leipzig, 1692 Informator bei von BurgsdorfF auf Dertzow (vgl. Brief Nr. 203, Anm. 3), 1693 Studium in Halle; ab 1695 Pfarrer in Dertzow bei Soldin (Matrikel Leipzig, 270; Matrikel Halle, 273; Pfarrerbuch Brandenburg 2/1, 518 [als Geburtsort hier falschlich Blankenburg bei Delitzsch angegeben]; AFSt/H C 827: 33; C 830: 19; D 88: 39-40; SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 14: 17; Leube, 206. 208, vgl. 284 [ohne bzw. mit unsicherer Angabe anderer Vornamen]; Dellsperger, 204, Anm. 6; Blaufuss, 191; Matthias, 244).

10 Da es um die Auseinandersetzung mit der aus perfektionistischen Selbstansprüchen resultie­renden Anfechtung geht, dürfte Franckes Manuskript vom 10.6.1692 mit dem TitelGnade und Wahrheit" (s. Brief Nr. 30, Anm. 27) gemeint sein, das vielleicht identisch ist mit dem Aufsatz Vom Gebrauch des Gesetzes und Evangelii" (vgl. Briefe Nr. 37, Anm. 18, Nr. 43, Anm. 1 und Nr. 86, Z. 36-38).

" Heinrich Westphal (s. Brief Nr. 12, Anm. 24, vgl. auch Anm. 5).

12 Möglicherweise Friedrich Christoph Rabe aus Ragnit in Ostpreussen, der 1686 in Königs­berg und 1694 in Halle studierte (Matrikel Königsberg 2, 153; Matrikel Halle, 342). - Andreas Care (s. Anm. 3) schreibt in seinemBekenntnis" (s. Anm. 1), daß dieses Herrn Raben zu­geschickt werden solle,daß er sich ja auff den Herren Christum gründe" (AFSt/H D 41: 1278). S. Anm. 13.

13 Demnach könnte außer Care (s. Anm. 3), Westphal (s. Anm. 11) und Lucht (s. Anm. 9) auch Rabe (s. Anm. 12) zu den ersten Anhängern Franckes in Leipzig gehört haben.