Nr. 110 Ph.J. Spam an A.H. Francke 19.10. 1695

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habe es Herrn M. Schaden auch zugestellet. 35 Herrn Brecklings 36 Catechis- 95 mus 37 hat mir überauß gefallen, das wenig darinnen hätte außnehmen könen. Ich habe ihn in Franckfurt von meinem Sfeligen] collega Herrn Gramsen 38 gelehnt gehabt. Nun deucht mich zwahr, die wittwe 39 habe mir darnach das exemplar gegeben, weiß aber nicht gewiß, auffs wenigste habe ihn schon lang nicht mehr, und etliche mal darnach getracht, ob ihn zukaufF bekommen 100 könte, aber vergebens.

Von der anstalt der schul 40 habe unterschiedliche erfreuliche nachrichten gehöret, so mich auch mit vieler hoffnung erfüllet, ob zwahr auch sorglich einige adversiteten darüber zuerwarten sein mögen. Der Herr laße in allen

95 /Herrn/. 103 /sorglich/ : (sonderlich^)).

35 Zur Reaktion von Johann Caspar Schade (s. Brief Nr. 19, Anm. 12) s. Brief Nr. 111, Z. 57f.

36 Friedrich Breckling (162916.3.1711), geb. in Handewitt bei Flensburg; Studium bzw. Auf­enthalt u.a. 1648 in Königsberg, 1651 in Wittenberg, 1652 in Gießen (1653 Magister), 1654 in Hamburg, 1655 in Straßburg, 1656 in Rostock; ab 1656 Pfarrer in Pfarrämtern in Schleswig, so 1659 als Substitut in Handewitt; 1659 Amtsenthebung wegen eines Streites mit dem Flensburger Konsistorium; Flucht nach Amsterdam; 1660 Pfarrer der lutherischen Kirche in Zwolle, 1668 Amtsentsetzung wegen Auseinandersetzungen mit Gemeinde und Konsistorium; lebte danach ohne öffentliche Ämter, unterstützt von mehreren Gönnern und mit weitreichender Korrespon­denz in Amsterdam, ab 1680 in Den Haag (DBA 140, 97-104; ADB 3, 278-279; NDB 2, 566; Jöcher 1, 1350-1352; RGG 4 1, 1743; TRE 1, 150-153). - Breckling, radikaler Vertreter eines mystischen Spiritualismus, stand nicht nur mit den niederländischen Böhmisten, sondern auch mit Gottfried Arnold, Francke u.a. in Verbindung; Spener stimmte ihm in seiner Kirchenkritik und seinen katechetischen Bemühungen (s. Anm. 37) zu (vgl.Dreyzehn theologische Sendschreiben" Speners an Breckling aus den Jahren 16771701, in: J.G Meuschen, Eroefnete Bahn Des wahren Christenthums, [...] Frankfurt a.M. 1716, 969-1040; LBed. 3, 143-146. 194).

37 F. Breckling, Modus Catechizandi: Einfaeltige Art und Weise, wie man den kleinen Catechismum Lutheri den Kindern und jungen Leuten recht vorkäwen und lebendig ins Hertz schreiben und pflantzen soll. Darinnen [...] was bißher von andern übergangen kürtzlich ange­wiesen. An stat einer kleinen Bibel [...], Amsterdam 1662.

38 Johann Grambs (23.9.1624-3.6.1680), geb. in Frankfurt; 1641 Studium in Helmstedt, dann in Rostock, 1646 in Leiden, 1647 in Straßburg; 1653 Pfarrer in Frankfurt a.M. (Pfarrer­buch Frankfurt, 617; Ph.J. Spener, Leich=Predigten, Andere Abtheilung, Frankfurt a.M. 1685, 140-177 [vgl. Grünberg Nr. 118]).

39 Anna Margaretha Grambs, geb. Münch, seit 1658 Ehefrau von Johann Grambs (vgl. LP für Johann Grambs, wie Anm. 38, 167).

40 In das Jahr 1695 fällt der Anfang der Glauchaschen Anstalten in Gestalt zunächst der Gründung einer Armenschule um Ostern dieses Jahres. Nach Franckes später zu erbaulichen und apologetischen Zwecken verfaßten Berichten habe er zu Beginn des Jahres in seiner Wohnung eine Sammelbüchse für die Armen anbringen lassen und etwa ein Viertel Jahr später darin die legendär gewordenenvier Taler und sechzehn Groschen" gefunden, die ihn zur Eröffnung der Armenschule veranlaßten und denen größere Spenden folgten. Um Pfingsten kamen Bürger­kinder hinzu, so daß es insgesamt 5060 Schüler waren; zudem wurden bald auswärtige Kinder begüterter Eltern, vor allem aus dem Adel, unterrichtet und untergebracht, womit das spätere Paedagogium Regium begonnen war. Am 1.10. kaufte Francke von dem Glauchaer Martin Rei­chenbach ein Wohnhaus neben dem Pfarrhaus (PfA St. Georgen A4, Nr. 31), in dem die Armen- von den Bürgerkindern nun getrennt unterrichtet wurden. Bis Anfang November hatte Francke