Nr. 114 Pli J. Spener an A.H. Francke 31.12.1695

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nechst geschrieben, das einen brieff von einer alten sonsten sehr Christlichen Adel[ichen] Jungfrau auß Sachsen bekommen, voller klagen über jetziger unruhe, aber über die monate gieng der größte zorn: Habe noch zu ant­worten nicht zeit gehabt. 13 Iulium habe noch nicht gesehen, hoffe ihn also 35 noch zu bekommen. In dem letzten schreiben, da eines nach Berlin gesandten Vettern gemeldet wird 14 , konte weder ich noch mein Sohn 15 , auff den man sich bezöge, verstehen, wer und was gemeinet seye: muß in der eil etwas im schreiben vergeßen sein worden.

Was Herrn D. Petersen chiliasmum anlangt, will doch nicht glauben, das 40 geliebter Bruder auch die reinigung der seelen und Vergebung nach dem tode statuiren werde. 16 Wäre zwahr eine lehr, die man lieber wünschen solte, aber die zu solchem ende anftihrende stellen der schrifft kommen mir nicht gnug- sam vor, eine solche wichtige materie zu gründen. Auffs wenigste wolte nicht, das gel[iebter] Bruder darvon gegen jemand meidung thäte: denn wo solches 45 außkäme, hatte gegentheil was sein verlangen, und kan ich den jammer nicht gnug übersehen, der darauß mit eußerstem ärgernus folgen würde. Der Herr aber verleyhe den geist der Wahrheit und der weißheit.

Die liebe freunde, von denen mir unterschiedliche mahl grüße über­schrieben worden, grüße ich auch hertzlich hinwiderum. Verlange aber zu 50 wißen, wer Herr Wiegers seye 17 , als deßen nähme mir nicht bekant. War mir sonderlich lieb, auch von J[ungfer] Wolffm zuhören, dero und ihrer Schwe­ster 18 bißher nie vergeßen habe. Der Herr gedencke auch ihr in gnaden. Von Herrn Scharschmid sende diesen einschluß 19 : und weil ich mercke, das ihm das bloße landleben und einsamkeit nicht sonderlich anstehet, so vermuthe, 55 das er den Vorschlag wegen Moskau soviel williger annehmen werde. 20 Wel-

41 /der seelen/. 41 Vergebung ( Er...(?).

13 Vgl. Brief Nr. 112, Z. 39-43.

u Der im nicht überlieferten Brief Franckes genannte Vetter wurde nicht ermittelt.

15 Wohl Wilhelm Ludwig Spener (s. Brief Nr. 16, Anm. 7).

16 Die Diskussion um den Chiliasmus, die sich vor allem an der kontroversen Haltung zu der Annahme eines dritten Ortes im Jenseits und damit verbunden einer Apokatastasis panton durch Johanna Eleonora und Johann Wilhelm Petersen (s. Briefe Nr. 7, Anm. 46 und Nr. 17, Anm. 33) festmachte, war von Spener in seinem Brief vom 19.10.1695 eröffnet worden (vgl. Brief Nr. 110, Z. 107-139 und Anm. 43).

17 Jacob Bruno Wiegers (Wigers), geb. in Lüneburg; 1689 Studium in Leipzig, 1695 in Halle und Lehrer am Paedagogium; 1697 Gründer einer lateinischen Schule in London (Matrikel Leipzig, 496; Matrikel Halle, 480; Dreyhaupt 2, 170).

18 Sophia Tranquilla und Christiane Sophie Wolff (s. Brief Nr. 17, Anm. 43).

19 Ein entsprechend datierter Brief Justus Samuel Scharschmidts (s. Brief Nr. 111, Anm. 5) wurde nicht ermittelt.

20 Spener hatte Scharschmidt als Pfarrer der lutherischen Gemeinde in Moskau vorgeschlagen (vgl. Briefe Nr. 111, Z. 3-18 und Anm. 6 und Nr. 116, Z. 151-162 und Anm. 51).