Nr. 116 A.H. Francke au Ph.J. Später 7. 3. 1696
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gröblich verletzen wil ad alendam familiam ni[cht] hinlänglich ist. Mein 40 Glaube ist aber Gott lob bey dieser großen undanckbarkeit, damit man mich lohnet, nicht schwach worden, ja ich habe durch seine KrafFt es noch darzu gewaget, einen Gehülffen im Amt nebst mir zu unterhalten 20 , und habe auch das Beicht=Geld, dieweil mir mein Gewissen wegen mancher umstände dabey zu enge worden heimlich abandonniret 21 , in dem ichs entweder nicht 45 nehme und zwar von vielen, oder doch so ichs geschehen lasse, daß sie mir etwas hinlegen, solches den Armen alles gebe, wodurch mir fast die Hälffte von meinem ohne dem geringen Gehalt weggefallen, daß ich menschlicher Weise nicht sehen kan, wovon ich lebe mit den meinigen. In Erffurt ist mir nicht besser gelohnet, da man mir 20 Gulden besoldung in anderthalb Jahren 50 gegeben. Doch hat mich der Herr, weder hier noch dort noth leiden lassen. Daß man mir aber verstattet, das Werck des Herrn zu treiben, darinnen gebe ich die Ehre nicht Menschen, sondern dem lebendigen Gott, der wird mich nicht unfruchtbar seyn lassen, so lange ich lebe. Können mich Menschen nicht länger vertragen, so ists zu ihrem eigenen Schaden. Mir aber, ich weiß 55 was ich schreibe, wird die Thür des Worts immer weiter auffgethan werden 22 , und wird der Herr noch größere Barmhertzigkeit an mir thun als er gethan hat. Das ist Amen und ja, und wirds der Ausgang lehren, daß mein Glaube mir nicht gefehlet hat.
Mein theurester Vater halte mir ein Wort zu gute, wiewohl ich ihn ehre als 60 ein Kind seinen Vater 23 und dahero schuldig bin in Niedrigkeit und Demuth zu reden. Wenn er solche ängstliche und sorgliche Brieffe schreibet, wie fast alle zeit geschiehet, wenn sich nur etwa vor Menschen Augen eine geringe Gefahr zeiget, wundere ich mich nicht, daß solche, die ohne dem noch mehrerem regiment der Vernunfft unterworffen seyn, und mehr sich mit der 65 Vernunfft nach Menschen, als mit dem Glauben nach Gott richten, dadurch sehr verhindert werden, daß sie nicht das Werck des Herrn mit freudigem
40 ni[cht]: cj. 66 als ( aber(?).
20 Johann Anastasius Freylinghausen (s. Brief Nr. 94, Anm. 5) war seit Januar 1696 ohne ein eigenes Einkommen als Adjunkt im Glauchaer Pfarramt tätig (vgl. Briefe Nr. 106, Anm. 12 und Nr. 114, Anm. 2).
21 Abandonnieren = aufgeben (Duden 1, 52). — Eine kurze Zusammenfassung von Franckes Kritikpunkten am Beichtpfennig findet sich in seinem Kurtze[n] und Einfaeltigefn] Entwurff/ Von den Mißbraeuchen Des Beichtstuhls [...], Halle 1697 (Francke-Bibliographie Nr. C 20.1-2), 49f. In seiner Predigt zum Gründonnerstag 1699 unter dem Titel „Der Unverantwortliche Mißbrauch des H. Abendmahls In der Evangel. Kirchen In einer Predigt ueber 1. Cor. XI, 23—33 [...] fuergestellet [...]", Halle 1699 (Francke-Bibliographie Nr. E 93.1-3), teilte Francke offiziell die Abschaffung des Beichtpfennigs mit (99-102. 140-166 [Anhang unter dem Titel „Ursachen/ welche mich bewogen/ den so genanten Beicht-Pfennig hinfort nicht anzunehmen"]; vgl. Francke, Predigten 1, 511-555, hier 539f. 549-555).
22 Vgl. Kol 4,3.
23 Vgl. Ex 20,12a.