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Nr. 116 A.H. Francke an Ph.J. Spener 7. 3. 1696

Glauben treiben. Ich meines Orts kan nicht leugnen, daß ich dergleichen] sorgliche brieffe mannichmal mit Furcht gelesen, weil ich dadurch mehrmals eine niederschlagung der Kräffte des Glaubens und dessen Freudigkeit innen worden, und an mir zu thun gehabt, daß meine Seele sich wieder in lauter- keit in Gottes Regiment einergeben. Gott aber sey danck der mir doch alles allemahl wolgelingen laßen, und mir in allen dingen, die ich im Glauben für- genommen, Sieg gegeben hat. 24 Er wirds auch ferner thun, und mir geben daß ich mich ferner nur durch Sein Wort und Geist regiren laße, und dabey freudig und getrost sey.

Mein theurester Vater weiß aber, daß ich ihn von Hertzen liebe und ehre, und auch seine Worte und Ermahnungen nicht geringe achte, sondern sie in Gott führe, und mich gern darnach richte, so viel ich kan, stehend unter meinem Gott. Ich weiß auch seine so hertzliche Liebe, daß er alles in Liebe und zum besten von mir auffhimmet. Was ein berühmter Theologus aus dem Reiche schreibet 25 , irret mich gar nicht. Er sey wer er sey, so kennet er weder meinen Sinn noch mein Werck in dem Herrn, hats auch vielleicht nicht einmahl oder doch nicht recht gelesen und erwogen, was ich geschrie­ben . D. Bugenhagen 27 hat selbst in seinem commentario in Psalmos 28 eine andere als Lutheri version gebrauchet, und ist von mir im Monat Augusto zum zeugen angeführet 29 . Die Antwort auff Herrn Dassovii Schreiben 30 kan er nun im Augusto und Septembri lesen. Wiewol man es ja auch gar hart empfindet, daß ich so frey die Wittenbergischen Professores Theologiae für unwiedergebohrn Christen erkläre. 3 ' Ich habe meine Arbeit um Menschen willen nicht angefangen, um menschen willen wil ichs auch nicht unterlassen. Daß er mich inscitiae et temeritatis beschuldiget, ist mir ein geringes. Der Tag wirds klar machen. 32 Doch kennete er mich im Herrn, er würde vielleicht sanffter reden. Für den neuen Goliath 33 aber fürchte ich mich nicht. Es mag ankommen wers nicht lassen kan. Den rühm der Gelehrsamkeit wil ich einem gerne lassen. Auff wessen Seiten die Warheit ist, und für ihn streitet, der ist doch der gelehrteste für Gott, und muß endlich siegen.

24 Vgl. IKor 15,57; 2Kor 2,14.

25 Vgl. Brief Nr. 115, Z. 29-44.

Das Votum des unbekannten Theologen bezog sich auf Franckes Observationes biblicae (s. Brief Nr. 98, Anm. 20).

27 Johannes Bugenhagen (s. Brief Nr. 115, Anm. 5).

28 J. Bugenhagen, Psalter wol verteutscht auß der heyligen sprach [von M. Luther] Verklerung des Psalters, fast klar und nutzlich, Durch Johann Bugenhag [...] Von dem Latein inn Teutsch, an vil orten durch jn selbs gebessert [...], Basel 1526.

29 Augustausgabe der Observationes (s. Anm. 26), 881f.

30 Theodor Dassov, AdVirum [...] Aug. Hermannum Francke, [...], Epistola (s. Brief Nr. 110, Anm. 32 und 33).

31 Augustausgabe der Observationes (s. Anm. 26), 828.

32 IKor 3,13.

33 David besiegt denRiesen" der Philister Goliath (lSam 17).