Nr. 116 AM. Francke an Ph.J. Spater 7. 3. 1696
437
Ich rüste mich mit Gott, und damit furchte ich mich nicht für die gantze Rotte der fleischlich Gelehrten die sich ohne Gott rüsten. Die Tochter Zions schüttelt den KopfF über sie. 34 Giebt mir nur Gott Zeit und KrafFt, ich wil sie 100 nicht fragen, was ich thun oder lassen wil. Es lieget mir nicht an Menschen Zeugnissen, sonst hätte ich Zeugen genug, von Gelehrten und ungelehrten, die sich sehr über meine Monatliche Arbeit erfreuen, und deren continuation mit Verlangen erwarten.
Daß sonsten mein theurester Vater berichtet, daß ein unbekanter Freund 105 wegen des Waysen Hauses Vertröstung auff 1000 thaler gethan 35 , und solcher begehret zu berichten, daß es dabey bleiben werde, ist mir ja wol sehr erfreulich, und hatte auch Herr Rath Hoffmann 36 mir schon part davon gegeben 37 . Ich habe es im Glauben auff Gott gewaget, und ein lebendiges Waysenhauß auffgerichtet 38 , ehe wir noch ein gewisses Gebeude dazu haben, und werden uo die Kinder welche ich auffgenommen, bißhero Gott lob! wol gehalten und erzogen, daß ich versichern kan, daß es jetzo so angewendet wird, als es etwa künfftig bey einer weitleufftigen Verfassung schwer fallen möchte, welche doch auch zu wünschen und so gut als möglich vorzurichten ist. Könte es mit Genehmhaltung des so milden Wohlthäters, den ich meines unablässigen und 115 ernstlichen, und der armen Waysen Gebets gerne versichert wissen möchte, geschehen, daß solche ansehnliche Summe der 1000 Reichsthaler bald an mich übermachet, und zu meiner disposition übergeben würde, käme es mir wol sonderlich zustatten, und würde mir mein Fürnehmen in dem Herrn nicht wenig facilitiren, und der Ausfuhrung des gantzen Wercks etwa beßeren 120 Nachdruck geben, als wenn es nur zum Capital auff künfftige dispensation, wenn das gantze Werck schon im Stande wäre, auffgehoben würde. Gott wirds regiren, wie es seyn sol, ausser dessen willen ich nichts begehre, der mir auch bißhero seine Wunderhand in diesen dingen so mercklich gezeiget, daß ich nur auff seine Güte getrost hoffe. 125
Die anzahl der aufgenommenen Kinder beleufft sich jetzo nur noch auff zehn oder zwelff kinder, wenn ich diejenigen zwey darzu rechne, die ich in
102 von(d...(?). 127 zwey ( da...(?).
34 2Kön 19,21.
35 Wohl Carl Hildebrand von Canstein (vgl. Brief Nr. 115, Z. 45-48 und Anm. 11 f).
36 August Hoffmann (11.11.1661-24.5.1719), geb. in Halle als Sohn des Mediziners Friedrich Hoffmann (s. Brief Nr. 22, Anm. 56); 1679 Studium in Jena (1684 Dr. jur.), Praxis zunächst in Halle, dann Hof- und Regierungsrat mehrerer Fürsten und Stände des Reichs, zuletzt Hessen- Homburgischer Geheimer Rat und Kanzleidirektor, gest. in Frankfurt a.M. (DBA 555, 137-141; Jöcher EB 2, 2048; Dreyhaupt 2, 635; Matrikel Jena, 413). - Hoffmann bemühte sich offenbar auf Bitten Franckes mehrfach um die Finanzierung des Halleschen Waisenhauses (vgl. Anm. 37 und Hoffmanns Brief an Francke vom 4.4.1696 [AFSt/H C 57: 4], wo von verschiedenen Spenden- beträgen die Rede ist).
37 August Hoffmann an Francke, 10.12.1695 (s. Brief Nr. 115, Anm. 11).
38 Zu den Anfängen des Halleschen Waisenhauses im Herbst 1695 s. Brief Nr. 110, Anm. 40.