Nr. 171 A.H. Francke an Ph.J. Später 15. 7. 1699

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gebrauchet, sondern als eine Anzeige des elenden und höchst gefährlichen 20 zustandes derer die solch ärgerniß als causa moralis geben, wie Erasmus Schmidius 6 in seinen notis 7 das Wort erkläret 8 , und ich es schon längst in lectionibus in Matthaeum c[apitel] 18 denen studiosis selbst ausgeleget 9 , daher meine Redens=art genommen. Es ist mein Gemüth nicht jemanden böses zu wünschen. Ich habe aber dem Worte Gottes gemäß geredet, et scandalum 25 publicum et ingens publice et pro merito increpavi sine respectu personarum, ut decet servum Dei. Sonst werde ich gern jederman und sonderlich dem Magistrat allen respect erzeigen.

Den Exorcismum ohne Anfrage auszulassen 10 , haben wir uns genug befugt gehalten, weil S[eine] Churflirstliche Durchlaucht in einem Rescript so 30 denen drey Confessionen der Reformirten Kirchen" beygefüget 12 ausdrück­lich erlauben daß die Prediger NB. ohne fernerer Anfrage denselben auslassen mögen. Mein treuer Collega 13 hat viel anstoß in seinem gemüth darüber

22 /Schmidius/. 23 /c[apitel] 18/.

6 Erasmus Schmid (17.4.15604.9.1637), Philologe und Mathematiker, geb. in Delitzsch; 1590 Studium in Wittenberg, 1596 Adjunkt der philos. Fakultät, 1597 Professor der griechischen Sprache, seit 1614 auch der niederen Mathematik ebd. (DBA 1115, 225-227; ADB 32, 27f; Jöcher 4, 287; Zedier 35, 371f).

7 E. Schmid, Opus sacrum posthumum: In quo continentur versio Novi Testament! nova, ad graecam veritatem emendata, et notae ac animadversiones in idem: [...], Nürnberg 1658.

8 Schmid, derscandalum datum" undscandalum acceptum" unterscheidet, definiert: Scandalum datum est, quando aliquis male agendo alterum seducit, & offendit, aut occasiones peccandi sciens volens suppeditat" (E. Schmid, Opus sacrum posthumum, 98 [Erklärung zu Mt 5,29]). Als Belegstellen für diese Verwendung des Wortesscandalum" fuhrt Schmid zudem Mt 18,6. 8f; Mk 9,42f. 45. 47; Lk 17,2 und 2Kor 11,29 an.

9 Die entsprechende Vorlesung Franckes oder deren Nachschrift ist nicht überliefert. Francke hatte das Thema aber schon in seiner Predigt zum Michaelistag 1697 über Mt 18,112Die Lehre von dem Ärgerniß" (Francke, Predigten 1, 303-327, v.a. 307; vgl. Peschke, Studien 1, 135-140) behandelt.

111 Vgl. Brief Nr. 170, Z. 32-38.

11 Die Drey Confessiones, o. Glaubens=Bekaentnusse/ Welche in den Chur=Fuerstl. Bran- denb. die Religion betreffenden Edictis zu beobachten befohlen werden: I.Johannis Sigißmundi/ Chur=Fuersten zu Brandenburg/ [...]/ Glaubens=Bekaentnueß. II. Colloqvium Lipsiacum Anno 1631. da die anwesenden Reformirten und Lutherische Theologi eine Liqvidation angestellet/ wie weit sie sich einig/ und/ nicht einig seyn. III. Thornische Declaratio, welche Anno 1645. nicht allein von denen Brandenburgischen Reformirten/ sondern auch/ von allen aus der Cron Polen/ Groß=Fuerstenthum Littauen/ und incorporirten Provincien Deputirten Proceribus & Theologis ist unterschrieben worden. Hierbey auch Die Churfuerstl. Brandenburg. Edicta selbst/ nebst zweyen Declarationen. Frankfurt/Oder [1665] (Titel nach der Ausgabe Cölln/Spree 1683; weitere Auflagen 1695 und 1699).

12 Das Edikt Friedrich Wilhelms, Markgrafen zu Brandenburg, betreffend den Exorzismus bei der Taufe datiert vom 16.9.1664. Es gestattet dem Prediger, ein Kind lutherischer oder reformierter Eltern ohne Exorzismus zu taufen, wenn es so gewünscht wird. Das Edikt wurde jeweils im Anhang der verschiedenen Auflagen derConfessiones" (s. Anm. 11) abgedruckt und im Jahre 1713 im Herzogtum Magdeburg erneut publiziert.

13 Johann Anastasius Freylinghausen (s. Brief Nr. 94, Anm. 5).