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Nr. 184 Ph.J. Spener an A.H. Francke 4.11.1699

Herrn D. Olearii 6 memorial, ihre sache nicht zuaboliren, sondern fortsetzen zu laßen und geliebten brudern zum erweiß seiner imputation, sonderlich

15 da sie in officialibus angegriffen worden, anzuhalten, darauff ihnen justitiam zu administriren. 7 3. Herrn von Dießkau 8 schreiben, da er die angemuthete Oberinspection der schulen decliniret, und seine sorge in der gantzen sache mit mehrern vorstellet. 1 '

Alß mich nun der Herr gehfeime] R[ath] von Fuchs 10 dinstag noch vor

20 dem Consistorio zu sich forderte, fand ich ihn gantz alarmirt, was zwahr das erste anlangt, achtete er, es solte bey dem assignirten thaler bleiben. Das andre aber betreffende, war er mit mir gantz perplex, man könne den leuten justitiam nicht denegiren, hingegen stehe es nun auff völliger Separation, und könte sich Serenissfimus] nicht pro capite einer partey, sonderlich die noch

25 die kleinste wäre, declariren. Er liebe geliebten Bruder, meine auch solches in der that gezeiget zu haben, aber dergleichen angriff und beschuldigung eines collegii als er sehe geschehen zu sein, könne er nicht billichen, sondern in solcher sache gebühre sich moderation und sanfftmuth. Dann gehe man ein- mahl zu weit, so könne mans nicht wider beßern. 11 Ich erwehnte, obs nicht

30 durch eine commission gehoben werden könte, aber er sagte, man könne

die Stände, daß sie das Hallesche Waisenhaus alsFranckens privat=werck", das von Geldern außwärtiger Provincien" für von auswärts kommende Waisen errichtet werde, aufgefaßt hätten bzw. noch auffassen (GStA PK, aaO, Bl. 61 l v ). Deshalb gehen sie nun über das Anliegen der ersten Eingabe hinaus und schlagen vor, anstelle von Franckes ein Waisenhaus für die Kinder des eigenen Landes unter der Aufsicht der Regierung des Herzogtums Magdeburg zu errichten; für dieses solle in den Häusern dann vierteljährlich eine Kollekte gesammelt werden (aaO, Bl. 613 v ). In dem von Paul von Fuchs (s. Brief Nr. 95, Anm. 4) unterzeichneten Antwortschreiben vom 9.11.1699 werden diese Vorschläge verworfen und die Unterstellung des Halleschen Waisenhauses unter die kurfürstliche Autorität betont (GStA PK, aaO, Bl. 609f [Kopie]; Original im LHA Magdeburg aaO; zum gesamten Vorgang vgl. Deppermann, 109111). Die Auseinandersetzung mit den Ständen fand im März 1700 in Gestalt der Forderung, die Waisenhausrechnungen einer Kontrolle durch die Regierung des Herzogtums Magdeburg zu unterziehen, eine Fortsetzung (s. Briefe Nr. 201, Anm. 7 und Nr. 218, Z. 10-50 und Anm. 8).

6 Johann Christian Olearius (s. Brief Nr. 20, Anm. 3).

7 Das Stadtministerium hatte dem Konsistorium in einem Schreiben vom 25.9.1699 bereits mitgeteilt, daß es davon ausgehe, daß die Streitsache mit Francke noch nicht beendet sei und daß die Akten deshalb noch nicht fortgeschickt werden sollten (UA Rep. 27, Nr. 1081, Bl. 82). In dem hier erwähnten Memorial vom 16.10.1699 mit einer ausführlichen Beilage von Olearius fordern die Geistlichen die Fortführung der Angelegenheit zur Wiederherstellung ihrer Amts­ehre (UA, aaO, Bl. 86-93; vgl. AFSt/H A 107: 53-55 [Abschrift]). Zur vorläufigen Reaktion des Kurfürsten s. Anm. 12.

8 Carl von Dieskau (s. Brief Nr. 178, Anm. 10).

9 Das Schreiben von Dieskaus, in dem er die Oberinspektion über die Schulen ablehnte und sich gegen die Übertragung der Schulinspektion auf Francke wandte, ist nicht überliefert. Die positive Antwort des Kurfürsten hierauf datiert vom 4.11.1699 (GStA PK HA I, Rep. 52, Nr. 128 a 1, Bl. 332). Zum Fortgang der Angelegenheit s. Anm. 15.

10 S. Anm. 5.

" Wie sehr Franckes Haltung gegenüber der Stadtgeistlichkeit von Fuchs inzwischen befrem­dete, drückt sich auch in von Fuchs' Brief an Francke vom 18.11.1699 aus (SBPrKB Nachlaß Francke, Kaps. 9: 41f; vgl. Deppermann, 125).