Nr. 218 AM. Francke an Ph.J. Spener [22.(7)5. 1700]
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Die von Gotha kommen 21 , versichern mich, daß man wenig reflexion auff Probst Müllern 22 habe, ihn zum Prof[essori] Theolfogiae] zu Jena zu nehmen. 23 Ist also die Sache wol nicht so gewiß, als man mir furgebracht. Solte man dann nicht einen andern fundum zu so einem wichtigen Werck finden können. Den jährlichen Thaler von den Kirchen wolte ich gerne 55 cediren, es möchte dann beßer in den Stand gebracht werden könen als von mir, da ein jeder spricht, er habe eine baufällige Kirche, und wenn das cessiret, gibt das Land gar nichts, und haben dann auch nichts ins Waysen=Hauß zu reden, ohne daß sie zum wenigsten großen danck sagen solten, daß man ihre armen mit anderer Leute mittein so wol versorget. Die andere memoriala der 60 Landesstände werden wol alle durch die jetzige commission wegfallen. 24
Herrn Baron von Canstein 25 bitte ohnschwer zu grüßen, kan unmüg- lich jetzt antworten 26 , wegen eines menschen zur auffwartung kommt eine recommendation an denselben hiebey 27 , mit dem es vielleicht sicher zu versuchen. Verharre 65
M[eines] thfeuresten] V[aters] Gebethschfuldigster]
Afugust] H [ermann] Francke.
21 Wen Francke hier meint, läßt sich nicht ermitteln.
22 Philipp Müller (s. Brief Nr. 143, Anm. 22).
23 Zur Berufung Müllers nach Jena s. Brief Nr. 216, Anm. 26.
24 Die von den Landständen am 20.3.1700 geforderte Aufhebung des Kanzelparagraphen (s. Brief Nr. 201, Anm. 7) wurde vom Kurfürsten am 10.6.1700 tatsächlich abgelehnt (GStA PK HA I, Rep. 52, Nr. 130, 1691-1762, Bl. 127 r -130 r ; Deppermann, 128). Zum geforderten Verbot der Verbreitung mystischer und spiritualistischer Literatur wie auch von Gottfried Arnolds Kirchen- und Ketzerhistorie s. aber Brief Nr. 222, Anm. 17.
25 Carl Hildebrand von Canstein (s. Brief Nr. 143, Anm. 1).
26 Gemeint ist die Beantwortung des Briefes von Cansteins vom 19.5.1700 (Canstein/Francke, 88).
27 Nicht überliefert. Auch ist nicht klar, wen Francke zur Aufwartung an von Canstein empfahl.