1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690J91]

Der nachstehend abgedruckteLebenslauf Franckes ist die wichtigste Quelle für das Verständnis seines Bekehrungserlebnisses in Lüneburg im Jahre 1687. Titel und Datum des überlieferten eigenhändigen Konzepts stellen der Forschung manche Fragen. Sie sind auch heute noch nicht endgültig beantwortet (vgl. Stahl, a.a.O., S.2fL).

Für die Geschichte des Manuskripts sind einige Briefe J. J. Breithaupts aus dem Jahre 1729 aufschlußreich. Laut seiner Informationen hatte Francke das Konzept dem mit ihm befreundeten Jenenser Geschichtsprofessor C. Sagittarius zur Ver­fügung gestellt (zu den Beziehungen zwischen beiden vgl. Stahl, a.a.O., S. 15ff.). Nach dessen Tode hat der Verwalter seines wissenschaftlichen Nachlasses, der spä­tere Helmstedter Professor der Kirchengeschichte und Abt J. A. Schmidt (1683 Professor in Jena, seit 1695 in Helmstedt, gest. 1727), das Manuskript behalten. Im Jahre 1729 sollte es mit dem Nachlaß Schmidts in Helmstedt versteigert werden, wurde jedoch vor der Auktion zusammen mit anderen Schriftstücken von Breithaupt für die Franckeschen Stiftungen zurückgekauft. Der jetzige Titel der Schrift stammt nach Breithaupts Angaben von Sagittarius, der folgende Bemerkung hinzugefügt haben soll:Diesen Lebenslauff habe bittlich von Ihnen erhalten, welcher noch bey meinem Leben oder nach meinem Tode, wieder muß zugestellet werden. Geschrieben Jena d. 2. August 1694. C. Sagittarius D. (AFSt C 496: 3,3 a , 5; vgl. die Notizen AFSt D 66, fol. 202 b und D 74 Einbandinnenseite).

Dieser Zusatz wurde vor der Versteigerung teilweise herausgeschnitten, so daß nur der Titel und ein Teil der Datumsangabe übriggeblieben sind. Der Rest der Notiz ist heute dem nachfolgenden Blatt angeheftet und lautet:Geschrieben, Jena, den 2. [...] 1694. Damit wären die bisher erörterten Fragen weithin geklärt. Allerdings bleibt ein Widerspruch bestehen. Nach Breithaupt soll die Unterschrift am 2. August geleistet worden sein. Sagittarius ist aber bereits am 9. März des Jahres gestorben.

Zeitpunkt und Anlaß der Niederschrift müssen aus dem Inhalt oder anderen Quellenzeugnissen erschlossen werden. Kramer, A. H. Francke, I, S.4f., ging davon aus, daß Francke im März 1692 eine Abschrift desLebenslaufes an Spener geschickt hat, damit dieser sie einem mit dem Atheismus ringenden Menschen zu­kommen lasse (vgl. Kramer, Beiträge, S.219f., 223). Demgegenüber hat Stahl mit Recht darauf hingewiesen, daß Spener nur einen Teil desLebenslaufes erhalten hat (a.a.O., S.3ff., 7ff.), und wahrscheinlich gemacht, daß der Bericht um die Jahreswende 1690/91 in Erfurt niedergeschrieben wurde. Francke habein Erfurt aus eigenem Interesse für sich über seine Tätigkeit einiges in verteidigender Form niedergeschrieben.In diesen Rahmen würde dann auch die Abfassung des Lebens­laufes fallen, also ohne Absicht einer Veröffentlichung (Stahl, a.a.O., S.16). Aller­dings darf der Bericht nicht nur alsRechenschaftslegung vor sich selbst... als Beichte, als Confessio verstanden werden (Aland, a.a.O., S.548). Er trägt auch apologetische Züge. Francke hat zwar nicht unmittelbar an eine Veröffentlichung gedacht (vgl. den Brief an Sagittarius vom Frühjahr 1691, bei Kramer, Vier Briefe, S. lff.; Stahl, a.a.O., S. 15ff.). Man muß aber beachten, daß er mehrfach den Leser anspricht (vgl. vorl. Ausg., S. 7 f.. 21 f.) und denLebenslauf nicht nur im Jahre 1692 teilweise Spener zukommen ließ, sondern ihn später, wohl um 1694, auch Sagit­tarius zur Verfügung stellte.

Wir geben den Text nach dem erhalten gebliebenen eigenhändigen Konzept Franckes wieder (AFSt D 66, fol. 202 a233 b ). Der Bericht ist schon von Kramer,