1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]
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verlangen nach dem ewigen Leben und viel ander gutes an ihr erkante, auch über dieses von eben derselben durch gute erbauliche reden zu allem guten gereitzetward. 14 Solches war bey mir so durchdringend, daß ich bald anfinge das eitele wesen der Jugend, in welches ich mich schon durch das böse Exempel anderer Kinder ziemlich verliebet und vertieffet hatte, daß es von mir (weil man es an mir als einem Kinde, wie der weltLauff ist, ohne großen wiederspruch eine Zeitlang erduldet hatte) 15 fast vor keine Sünde mehr geachtet ward, ernstlich zu hassen, mich der unnützen Gesellschafft, Spielens und andern Zeit Verderbs (206 a ) zu entschlagen, und etwas nützlichem und bessers zu suchen. Daher mir auch von den meinigen ein Zimmer ein- gereumet ward, darinnen ich täglich meiner andacht und Gebets zu Gott hertzlich pflegte, und Gott bereits zu der zeit gelobete ihm mein gantzes Leben zu seinem Dienst und zu seinen h. Ehren auffzuopffern. 16
Ob nun wohl auff diesen guten anfang einer wahren Gottseligkeit von meinen damahligen anführern nicht gnugsam acht gegeben ward, so segnete doch der getreue Gott, der die Fehler der Kindheit aus Gnaden übersähe, dazumahl sonderlich meine studia, daß ich auch im 13ten Jahr meines alters in classem Selectam des Gothischen Gymnasii gesetzet, und daraus im 14ten Jahr öffentliche Vergünstigung der Oberen erlangete, die Academien zu besuchen, 17 welches aber von den meinigen noch fast auff 2 Jahr, wegen meines alzu geringen alters, ausgesetzet ward. 18 Dieses muß ich Gott zum preiß von meinem gantzen Leben bekennen. Je mehr ich mich zu Gott gehalten, und je weniger ich mein Gemüth mit Liebe der weit beflecket, je mehr hat mir Gott seine Gnade und Seegen wie in allem, also auch absonderl. (206 b ) in meinen studiis wiederfahren und mercken lassen. Hingegen je mehr ich mein Hertz von Gott abgewendet, und weltlich gesinnet worden, je mehr bin ich auch in der irre herumgeführet worden, und habe wol mit großer arbeit wenig ausgerichtet, welches ich mehrentheils nach der Zeit erst erkant, da ich wol vorhin gemeynet, daß ich gar herrlich geführet würde, und treffliche profectus hätte. Also ist mirs recht in die Hände kommen: Die Furcht des Herrn ist der weißheit anfang. [...] 19 daß es nicht gnug sey, die Jugend zur wahren Gottseligkeit anzuweisen, sondern man müsse sie
14 Anna Francke (1658—1680). Der Name wurde eingefügt. Ursprünglich hatte Francke nur von „einer recht christlichen und Gotthebenden Person“ gesprochen. Seine Schwester hat ihn auch „zur Lesung Heiliger Schrift, Johann Arnds wahres Christenthum, und anderer guten Bücher, angeführet“ (vgl. Personalia, a. a. 0., S.19). Zur Bedeutung Arnds für Francke vgl. vorl. Ausg., S. 86.
15 „(weil man... erduldet hatte)“: Zusatz am Rande.
16 Zu den Gebetsübungen vgl. Personalia, a.a.O., S.19.
17 1676/77. Die classis selecta bereitete unmittelbar auf den Hochschulbesuch vor. Neben dem damaligen Rektor Georg Hesse (1613—1694) nennt Francke später als seinen Lehrer den nachmaligen Salzunger Superintendenten Rumpel. Er erwähnt ferner zwei von ihm selbst öffentlich vorgetragene Reden (vgl. Lebensnachrichten, a. a. O., S. 57). Die Entlassung Franckes aus dem Gymnasium scheint jedoch vorzeitig und gegen den Willen der Schule erfolgt zu sein (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S.8, Anm. 2).
18 Für seine Erziehung war neben der Mutter vor allem der älteste Bruder David Balthasar Francke (1652—1691), Hof- und Kammeradvokat in Gotha, verantwortlich (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.57f.).
19 Sprüche Salomos 1,7. Im folgenden wird der Text durch mehrere Streichungen unklar. Ursprünglich hieß es anschließend: „Das öffentliche Schulgehen war der anfang zu meiner abermaligen Verführung. Daher mir allezeit dieses zu einer Regel hat dienen müssen.“ Dieser Text ist durchgestrichen worden, und zwischen die Zeilen wurde eingefügt: „habe ich dieses nach der zeit gelernet“. Auch diese Formulierung wurde gestrichen und am Rande ein Satz mit den Worten „Hey dem“ angefangen, aber nicht ausgeführt.
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