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I. Biographisches
auch bey Zeiten für die listige Verführung der weit warnen. 20 Wie es denn die tägliche Erfahrung bezeuget, daß stille und sittsame Gemüther, die zu aller Erbarkeit erzogen sind, wenn sie in die weit kommen, und unter (207 a ) große Gesellschafft auff hohen oder niedrigen Schulen gerahten, sich durch böse Exempel leicht verleiten, und gleichsam mit dem vollen Strom hinweg reissen lassen. Insonderheit ist solches alter von 13, 14, 15 p. Jahren der Gefahr der Verführung wol am meisten unterworffen, und daher in der aulferziehung am fleissigsten und sorgfältigsten in acht zu nehmen. 21 Denn wol mancher nicht mit der weit so rohe dahin leben würde, wenn er zu solcher Zeit, da die Lüste der Jugend, und die verliebung in den äusserlichen Schein dieser weit sich zu erst bey ihm herfürgethan, in gebührenden Schrancken wäre gehalten worden. An meinem Ort halte gewiß darvor, wenn man nicht allein durch G. w. einen wahren Grund der Gottseeligkeit in mein Hertz zu pflantzen gesucht hätte, sondern mich auch für zukünftige Verführung gewarnet, und mir die listigen anläuffe der weit mit lebendigen Farben abgemahlet hätte, es würde das öffentliche Schulgehen, welches an sich keines weges zu verwerffen, mir nicht eine Gelegenheit zu meiner aber- mahligen Verführung gewesen seyn. Denn da ich erst in das Gymnasium gesetzet ward, 22 suchte ich noch in fleissigem Gebet das angesicht des Herrn, und erinnere mich, daß ich Gott mit großem ernst angeruffen und gebeten, daß er mir solche gute Freunde geben wolte, die mit mir eines Sinnes währen, ihm zu dienen, aber da ich so viel böse Exempel sähe, (207 b ) und mit einigen auch allmählich in Bekantschafft gerieth, verlohre sich nach und nach der vorige Eyffer, hingegen begunte ich mich der weit gleichzustellen, Ehre bey der weit groß zu achten, und um des willen nach Gelehrsamkeit zu streben, und es andern zuvor zuthun. Das Beste für mich war, daß ich anfänglich von den meisten wegen meiner geringen Jahre, da sie fast noch einmahl so alt waren als ich, verachtet ward, welches mir Gott nicht wenig zu meiner De- müthigung dienen lassen. Je mehr aber die Verachtung von mir wegfiel, insonderheit da ich aus dem Gymnasio dimittiret war, je mehr war auch die Thür zu meiner Verführung geöffnet, daß ich auch schon damahls wol erfahren, daß einem die weit vielweniger schadet, wenn sie einen verachtet und verschmähet, als wenn sie einen liebkoset und schmeichelt. In den studiis ließ ich mich wohl nichts hindern, sondern suchte immer mehr darinnen zuzunehmen. 23 Aber solches gef208 a ) schahe schon nicht mehr aus einer reinen absicht, zur Ehre Gottes, und zum Dienst des Nechsten, sondern vielmehr um eigener Ehre und Nutzens halber. Daher ich auch in der lateinischen Sprache mich mit einer leichten und natürlich fliessenden Schreibart nicht behelffen wolte, sondern diejenigen Auctores am meisten liebte, die fein hochtrabend schriebe^ und solche mit Fleiß imitirte, 24 absonderlich da ich von andern drinnen
20 „Verführung der weit warnen“: Ursprünglich folgte hier noch eine für Francke typische Formulierung: „oder daß sie nicht allein in Einfältigkeit der Tauben, sondern auch in Klugheit der Schlangen müsse erzogen werden“ (vgl. Matth. 10,16).
21 Die hier und im folgenden gegebenen grundsätzlichen pädagogischen Ausführungen sind ein weiterer Hinweis darauf, daß der „Lebenslauf“ wahrscheinlich in der Erfurter Zeit 1690/91 entstanden ist, in der sich Francke intensiv mit pädagogischen Fragen beschäftigt hat (vgl. vorl. Ausg., S. 124; Stahl, a.a. O., S. 14f.).
22 „An meinem Ort... Denn da ich erst“: Zusatz am Rande. Der letzte Satz begann ursprünglich: „Da ich in die öffentliche Schule gesetzet ward“.
23 Francke scheint in dieser Zeit weithin selbständig gelernt zu haben. Doch erhielt er auch eine gewisse Anleitung von dem damaligen Subkonrektor des Gothaischen Gymnasiums und späteren Rektor in Lübeck Johann Heinrich Hesse (t 1695) (vgl. Lebensnachrichten, a. a. O., S. 57).
24 „Sondern... imitierte“: Verbesserung am Rande. Auch der übrige Text ist stilistisch überarbeitet worden.