1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]

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gelobet und also noch weiter auffgeblehet ward, biß mir endlich von einem dieser Fehler entdecket, und an statt anderer Auctorum, des Ciceronis Scripta wieder in die Hände gegeben worden, aus dessen Laelio, Tusculanis quaestionibus, Epistolis p. ich mich einer fliessenden und ungezwungenen Schreib art befliesse. 25 Wiewol auch dar­innen dem bereits verdorbenen Gemühte gar sehr geschadet ward, daß ich die heyd- nischen Dinge ohne unterscheid ergriffen und also mehr einen heydnischen als christ­lichen stylum führen lernete, in dem heydnische Reden und heydnische Laster so wol aus meinem als aus der Heyden schrifften, welche ich mir zur regel fürgestellet herfür blicketen. Welchen Fehler ich wol dazumahl gar nicht erkant, noch von andern deswegen erinnert ward, biß ich darnach solchen Greuel nach erlangter Erkentniß des rechtschaffenen Wesens, in Ch. ist, [...] ( 208 b ) erkant. Wie denn die Jugend insgemein in solchem Fehler stecket, 26 welches doch leichtlich könte verhütet werden, wenn der informator selbst die reden, welche aus dem Glauben fliessen oder zum wenigsten damit bestehen können, von den andern, welche aus dem Unglauben fliessen, unterscheiden könte, und darinnen dem Lernenden gebührende anweisung thäte. Eben diese Eitelkeit und Begierde bald gelehrt zu werden, triebe mich auch, daß ich gerne einen guten Yorschmack von denen studiis Academicis haben wolte, da ich doch noch wol nöthigere dinge hätte excoliren können, z. e. da ich in der Hebräischen Sprache noch unerfahren war, und diese ja als für allen Dingen zum Studio theologico nöthig hätte treiben sollen, fiel ich auff das Studium philosophicum, und wante viel zeit drauff, ja auff das theologicum selbst, und weil man mich also gehen ließ, ja es auch noch an mir lobete, und mir Bücher dazu recommendirete, meynete ich es wäre recht wol gethan, und verwickelte mich immer weiter, und kam also mit großer arbeit und ( 209 a ) Mühe von dem rechten Grund und zweck des studii theologici immer weiter ab. Das beste war daß der Grund in Latinis und Graecis so geleget war, daß ich mich damit behelffen kunte.

Indessen wurde ich im löten Jahr meines alters auff universitaeten geschicket, und ward Erffurt erwehlet, 27 weil es in der Nähe war, und man einen guten Freund daselbst hatte, dessen als eines alten Academici auffsicht und Information ich solte anvertrauet werden. 28 Derselbe hielte mir nun ein Collegium hebraicum über des Schikardi horologium, 29 dabey ich auch den hebraeischen text lernete analysiren, desgleichen ein Collegium Logicum, und Metaphysicum, in welchen ich mich ziemlich in diesen studiis vertieffete, und die besten Logicken und metaphysiken zusammen schlepte, unter welchen ich nebst D. Bechmanni Log. 30 und Stahlii Me-

25 Die Schriften Ciceros (10643 v. Chr.), vor allem sein Werk De officiis, wurden im Neu­stoizismus des 16./17. Jahrhunderts sehr geschätzt.

26welchen Fehler... Fehler stecket: Verbesserung am Rande. Die letzte Zeile auf Blatt 208 a ist schlecht zu lesen und nicht mehr vollständig. Es heißt dort wahrscheinlich:daß in Chfristo] ist, so [...] (vgl. Eph.4,21).

27 Die Immatrikulation Franckes erfolgte bereits im Juli 1675, doch bezog er die Universität erst im April 1679 (vgl. Biereye, a.a.O., S.35f.).

28 Conrad Rudolph Hertz (* 1655), 1672 aus dem Erfurter Stadtgymnasium zur Universität entlassen, danach Studium der Theologie in Jena. Über seinen späteren Lebensweg ist nichts bekannt. Wie die folgenden Namen zeigen, hat er Francke vor allem mit den Vertretern der von Georg Calixt (15861656) geprägten Theologie bekannt gemacht, die dem orthodoxen Luthertum fernstanden (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.57; Biereye, a.a.O., S.41).

29 Wilhelm Schickard (15921635), Mathematiker und Orientalist in Tübingen. Sein Horologium hebraicum erschien 1614 in Tübingen.

30 Friedemann Bechmann (16281703), Professor der Philosophie (seit 1656) und Theologie (seit 1668) in Jena, Anhänger des Calixt. Seine Institutiones logicae erschienen erstmalig 1664 in Jena.