1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]

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Befehl daselbst am Tisch und ins Hauß zu Hn. D. Kortholt, ietzigen Procancellario und Prof. Prim, daselbst, 40 dessen information und inspection zugleich ich und die übrigen Alumni des stipendii fürnehmlich recommendiret waren. 41 Daher ich auch daselbst fast völlig 3 Jahr nemlich von Michaelis 1679 biß Pfingsten oder Trinit. 1682 blieben. 42 Hier habe nun meine studia continuiret, erstlich philosophica, welche ich nun gar ernstlich vermeynte zu excoliren, und derowegen Collegia disputatoria und andere darüber anstellete, 43 insonderheit suchte ich metaphysicam und Ethicam aus dem Grunde zu tractiren, und war fürnehmlich ( 210 b ) um deren usum in theologia bekümmert. 44 Physica triebe bey Hn. D. Morhoffio, und tractirte zu dem Ende sein collegium de historia naturali. 45 Sonst suchte fürnehmlich bey erwehnten Hn. D. Morhoffio in latinitate mich besser zu üben, und solidiora fundamenta eloquentiae tum sacrae tum profanae zu untersuchen, 46 darinnen ich denn auch privatissime bey ihm informiret ward. 47 Dazu kam bald, daß ich mich in das Studium polyhistoricum oder cognitionis Auctorum sehr verliebte, als wozu der in Erffurt gemachte anfang gute Gelegenheit gab. Daher ich das ietzo gedruckte collegium polyhistoricum, so damahls gehalten ward fleissig mit besuchte. 48 Mein Vetter zu Lübeck erkante wohl, daß ich mich mehr darinnen vertieffte als mir zu meinem Studio theologico nöthig

10 Christian Kortholt (16331694), ehemaliger Stipendiat der Schabbelschen Stiftung, 1666 nach Errichtung der Kieler Universität von Rostock nach Kiel berufen, 1675 Professor prima- rius, 1689 Prokanzler, gestorben als Rector magnificus. Er gehört zu den Vertretern der luthe­rischen Reformorthodoxie.

41 Es waren jeweils vier Stipendiaten. Zu jener Zeit befanden sich in Kiel: 1. Johann Gott­fried Scriver, ein Sohn des bekannten Erbauungsschriftstellers Christian Scriver. Über seinen weiteren Lebensweg ist nichts bekannt. 2. Adam Herold (vgl. vorl. Ausg., S. 11). 3. ImHerbst 1681 kam Joachim Justus Breithaupt hinzu (vgl. vorl. Ausg., S. 68). Von den späteren Stipendiaten erwähnt Francke nur Hermann von der Hardt (vgl. vorl. Ausg., S. 25).

42 Francke wurde am 10. November 1679 immatrikuliert (vgl. Album der Christian-Albrechts- Universität 16651865, hrsg. von F. Gundlach, 1915, S. 23, Nr. 1086). Zum Termin der Abreise vgl. Weigelt, a.a.O., S. 55.

43 Es handelt sich wahrscheinlich um die durch die Schabbelsche Stiftung festgelegten Disputationen (vgl. Seilschopp, a.a.O., S. 121). Francke führte diese Übungen vor allem mit seinem Stubengenossen Adam Herold (16591711) durch, der bereits längere Zeit in Witten­berg und Gießen Theologie studiert hatte und nach einer Reise zum Studium des Englischen und der orientalischen Sprachen durch Holland und England 1680 in Kiel den Magistergrad erwarb. Er verfaßte später mehrere systematisch-theologische Studien und starb als Super­intendent in Eilenburg (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.58; Personalia, a.a.O., S.18).

44 Das entsprach den Bestimmungen der Schabbelschen Stiftung (vgl. Seilschopp, a. a. 0., S. 120). Neben den Übungen bei Herold wurde Francke zusammen mit Scriver von Kortholt privat in philosophia instrumentali et theoretica unterwiesen (vgl. Personalia, a.a.O., S.18).

45 Daniel Georg Morhof (16391691), 1665 bei der Gründung der Kieler Universität als Professor der Beredsamkeit und Poesie von Rostock berufen, seit 1673 Professor der Ge­schichte. Das Kolleg scheint nicht gedruckt worden zu sein.

46Die festeren Fundamente der geistlichen und weltlichen Beredsamkeit. Zu diesem Themenkreis liegen zahlreiche Veröffentlichungen Morhofs vor.

47 Daneben erlernte er in Kiel das Englische (vgl. vorl. Ausg., S. 15). Mit diesen Sprach­studien ging er über die Bestimmungen der Schabbelschen Stiftung hinaus (vgl. Sellschopp, a.a.O., S. 119f.).

48 D. G. Morhof, Polyhistor sive de notitia auctorum et rerum commentarii. Qvibus prae- terea varia ad omnes disciplinas consilia et subsidia proponuntur, Lübeck 1688, vollständige Ausgabe 1708 durch J. Möller.