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I. Biographisches

wäre, und riehte mir davon abzustehen, 49 aber mein Gemüht war bereits so sehr drinnen verstricket, daß ich auch ( 211 a ) wol meynte, man riehte mir nicht treulich, und hielte dasjenige für absolute notwendig, was doch auch nur von seinen Lieb­habern für eine Zierde der übrigen wissenschafften angegeben wird, 50 und nach dem elenden zustand meines Gemühts nur ad pompam vonmir gerichtetwar. Das Studium theologicum setzte ich fort bey Hn. D. Kortholt. Hielte bey demselben Collegia Thetica, Polemica, und Exegetica, so wol publice als privatim, laß darneben seine Schrifften und welche er mir sonst recommendiret fleissig. 51 Daneben wolte ich auch predigen lernen, und gerieth über den von einigen so genannten methodum Helm- stadiensem, läse zu dem Ende fleissig Rhetoricam Aristotelis cum Commentario Schraderi, machte auch secundum methodum Schraderi locos communes Biblicos, 52 und getrauete mich auch in öffentlicher Gemeine in der Stadt und auff dem Land zu predigen, 53 welches aber wol nicht aus dem Grunde geschehen, wie Paulus erfordert 2. Cor. IV. 54 Ich glaube, darum rede ich, wie wol ich damahls meiner meynung nach gar recht dran thäte. 55 Uber dieses hielte auch fleissig mit Hn. D. Kortholti collegia, die er in historia Ecclesiastica publice und privatim hielte, 56 unter denen auch eines über Eusebii historicam [!] Ecclesiasticam publice gehöret. 57 So hielte auch bey ihm ein Collegium de Officio ministrorum Ecclesiae. 58 In welchen, wie auch in seinen übrigen lectionibus, ich dem wehrten Mann das zeugniß geben kan, daß er die studiosos fleissig und ernstlich ( 211 b ) Von dem ärgerlichen weltwesen abgemahnet, und die schwere Verantwortung eines Predigers ihnen wol fürgestellet. 59 Wodurch denn auch geschehen, daß der gute Funcke, der noch in meinem Hertzen war, ziemlich und offt auffgeblasen ward. 60 Daher ich wol mannichmal einen vorsatz faste mich von der weit und ihrer Eitelkeit zu entreissen, sähe und erkante wol, daß das Leben der studiosorum, wie es gemeiniglich geführet ward, und wie ichs selber mit führete, nicht mit dem worte Gottes übereinstimmete, und daß es unmüglich also bestehen könte, finge auch wol dann und wann an mich zu ändern. Aber der große Hauffe risse mich bald wieder dahin, daß es dann hieß, daß das letzte mit mir ärger ward, denn das

49 A. H. Gloxin erhielt als Direktor der Stiftung regelmäßig von Kortholt Bericht über die Aufführung der Stipendiaten (vgl. Sellschopp, a. a. O., S. 112; Weigelt, a.a.O., S. 54).

50auch nur ...angegeben wird: Verbesserung am Rande.

51 Vgl. das umfangreiche Schrifttum Kortholts, das alle Gebiete der Theologie umfaßt. Francke wurde von ihm auch in Privatgesprächen angeleitet und hatte Zugang zu seiner Bibliothek (vgl. Personalia, a.a.O., S. 18).

52Nach der Methode Schräders die biblischen Grundstellen [sammeln]. Christoph Schräder (16011680), seit 1635 Professor der Beredsamkeit in Helmstedt. Sein Kommentar über die Rhetorik des Aristoteles erschien 1674 in Helmstedt.

53 Nach Neujahr 1681 (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.58). Predigten und Predigt­übungen wurden durch die Schabbelsche Stiftung gefordert (vgl. Sellschopp, a.a.O., S.120f.).

54 2. Kor.4,13.

65Daneben wolte... dran thäte: Zusatz am Rande.

56 Vgl. Chr. Kortholt, Historia ecclesiastica novi testamenti, Leipzig 1697.

57 Die Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea (260/65339) bietet die erste um­fassende Darstellung der Geschichte der alten Kirche. Die Vorlesung Kortholts scheint nicht gedruckt worden zu sein.

58Vorlesung über das Amt der Diener der Kirche (d. h. der Geistlichen). Vgl. Chr. Kort­holt, Pastor fidelis, sive de officio ministrorum ecclesiae opusculum, Hamburg 1696.

59 Vgl. Chr. Kortholt, Schwere Priester-Bürde / aus Gottes Wort und der H. Kirchen- Antiquität vorgestellet, Frankfurt a. M. 1672.

60 Vgl. Kortholts kritischen Bericht über Francke an A. H. Gloxin vom 16. Oktober 1680 (zitiert bei Weigelt, a.a.O., S.54).