1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]
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erste. 81 Also war ich bey allen meinen studiis nichts als ein grober Heuchler, der zwar mit zur Kirchen, zur Beicht, und zum H. Abendmahl ginge, sunge und betete, auch wol gute discur/212®/se führete und gute Bücher läse, aber in der Taht von dem allen die wahre Krafft nicht hatte, nemlich zu verleugnen das ungöttliche wesen, und die weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig zu leben, 62 nicht allein äusser- lich, sondern auch innerlich. Meine theologiam faste ich in den Kopff, und nicht ins Hertz, und war vielmehr eine todte wissenschafft als eine lebendige Erkentniß. Ich wüste zwar wol zu sagen, was Glaube, wiedergehuhrt, Rechtfertigung, Erneurung p. sey, wüste auch wol eins vom andern zu unterscheiden, und es mit den Sprüchen der Schrifft zu beweisen, aber von dem allen fand ich nichts in meinem Hertzen, und hatte nichts mehr als was im Gedechtnis und phantasie schwebte. Ja ich hatte keinen andern concept vom Studio theologico, als daß es darinnen bestehe, daß man die collegia theologica und theologische Bücher wol im Kopffe hätte, und davon erudite discouriren könte. Ich wüste wohl, daß Theologia ein habitus practi/ 212 h )cus defi- niret würde, aber ich war in meinen collegiis, welche ich hielte nur um die theoriam bekümmert. Wenn ich die H. Schrifft läse, war es mehr, daß ich gelehrt werden möchte, oder damit ich der guten Gewohnheit ein gnügen thäte, 63 als zur Erkentniß des göttlichen wesens und willens zu meiner Seeligkeit. Ich setzte darauf! sehr viel, daß ich alles auffs Papier schriebe, wie ich denn deswegen etliche ziemliche Volumina zusammen geschrieben von Collegiis, 64 aber ich suchte es nicht, wie Paulus will 2. Cor. III, 65 durch den Geist Gottes auff die Taffein des Hertzens zu schreiben.
In solchen zustande war ich, da mirmeinVetter alsPatronus stipendii Schabbeliani vergönnete von Kiel wegzureisen, in dem es, wie er berichtete, damahls mit dem stipendio schabbeliano auff eine Zeitlang ins stocken gerieht. Darauff reisete ich nach Hamburg, weil es in Kiel mit dem Hebräischen nicht recht mit mir fort ge- wolt, (213 a ) da ich zwar etliche mahl einen neuen anfang gemacht hatte, aber zu keiner gründlichen wissenschafft darinnen durch den gemeinen methodum hatte gelangen mügen, 66 da man erst sich mit der Grammatica und dem analysiren sehr lange auffhält, ehe man die Bibel selbst durchzulesen sich getrauet. Daher suchte ich bey dem Hn. L. Etzardo 67 in Hamburg diesen Fehler zu ersetzen, begab mich an seinen Tisch, und nahm die Stube in seiner Nachbarschafft, und wante alle Zeit drauff nach seinem methodo so gut ich könte, linguam hebraeam zu tractiren. Ich rühme auch hierinnen des lieben Mannes treue und Fleiß von grund des Hertzens,
61 Vgl. 2. Petr. 2,20.
62 Vgl. Tit. 2,12.
63 „damit... thäte“: Verbesserung am Rande. Dafür stand ursprünglich: „als ein opus operatum“.
64 Von diesen Nachschriften ist nichts erhalten gebheben. Francke erwähnt in einer handschriftlich erhaltenen paränetischen Vorlesung, daß er Morhofs Collegium polyhistoricum und dessen Collegium epistolicum sowie die Kirchengeschichte Kortholts nachgeschrieben habe (AFSt N 2, S. 607 ff.).
65 2. Kor. 3,3.
66 Nach den Bestimmungen der Schabbelschen Stiftung sollten die Stipendiaten die biblischen Grundsprachen studieren, sich aber nicht darin vertiefen (vgl. Seilschopp, a.a.O., S. 119 f.).
67 Esdras Edzardus (1629—1708) erwarb den Grad eines Licentiaten der Theologie in Rostock, widmete sich danach ohne ein festes Amt in Hamburg dem Unterricht in den Grundsprachen der Heiligen Schrift und der Bekehrung der Juden. Francke hat die Ratschläge Edzards später in Halle der Sprachausbildung der Theologiestudenten zugrunde gelegt.