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I. Biographisches
als der sich, auch die Mühe nicht verdrießen lassen, ohne leiblichen Entgelt viel zeit auff mich zu wenden, und mir in meinen dubiis welche mir in Lesung der Schrillt, oder auch quoad methodum vorkamen, zu helffen. Ich kam also bey ihme mit Lesung des A. T. biß in den Propheten Esaiam, so viel ich mich erinnern kan, und da ich nach (213 b ) zwey Monahten von den meinigen nach Hause gefordert ward, nahm ich von erwehntem Hn. L. Etzardo weitere instruction, wie ich das Studium continuiren möchte. Da mir denn gerahten ward, erstlich lectionem cursoriam zu absolviren, und dann in secunda lectione grammaticam gründlicher zu erlernen, in tertia lectione den Glassium, 68 in 4ta das Chaldaeische in 5ta das Michlal Jophi, 69 in 6ta die biblia Buxtorfii 70 zu tractiren. Welchem methodo ich auch nachzukommen bedacht war, weil ich aber mich auff die l 1 / 2 Jahr bey den meinigen zu Gotha auffhalten muste, fehlte es mir an Gelegenheit zu einem und dem andern. Daher ich in wehrender zeit die Ebraeische Bibel an sich selbst nebst der Philologia Sacra Glassii 71 desto fleissiger durch tractirte, und, so viel ich mich erinnere, Biblia hebraea wol sechsmahl absol- virete.
Der Zustand meines Gemühts da ich von Hamburg kam (214 a ) war sehr schlecht und mit Liebe der weit durch und durch beflecket. Gott gab mir auch zu erkennen, daß er seine Hand immer mehr von mir abgezogen, weil ich seinefr] kräfftigen Vater Hand, 72 die mich so nachtrücklich zur Bekehrung so mannichmal gereitzet, nicht platz gegeben, sondern mich immer tieffer in die Liebe der weit versencket. Da fienge ich nun gleichsam aufls neue an Gott mit Ernst zu suchen. Aber es bestand mein Suchen dennoch mehr im äusserlichen als im innerlichen. Ich sunge und betete viel, laß viel in der Schrillt, und andern geistlichen Büchern, ging viel zur Kirchen, be- reuete auch äusserliche Sünden und kam wol mit Thränen zur Beichte, aber das blieb noch alle zeit in meinem Hertzen stecken, daß Ehre, Reichthum und nach guten Tagen trachten keine Sünde sey. Da doch Johannes ausdrücklich schreibet. 1. Joh. II. (214 b ) Habt nicht heb die weit, noch was in der weit ist. So iemand die weit heb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der weit ist, nemhch Fleisches Lust, äugen Lust, und hoffärtiges Leben ist nicht vom Vater sondern von der Welt. 73 Wenn ich auch ahe Sünden bereuete, so bereuete ich den Unglauben nicht, der doch tieffe wurtzeln hatte in meinem Hertzen. Denn wo die Früchte des Glaubens nicht sind, als Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanfitmuth, Keuschheit, 74 da ist auch nicht glaube, sondern eine bloße Ein-
68 Salomon Glassius (1593—1656), 1621 Professor der orientalischen Sprachen, 1638 Professor der Theologie in Jena, seit 1640 Generalsuperintendent in Gotha. Gemeint ist seine Philologia Sacra (vgl. vorl. Ausg., S. 14).
69 Hebräischer Kurztitel eines bekannten rabbinischen Kommentarwerkes zu einzelnen Stellen des Alten Testaments, das 1660 in Amsterdam von dem Rabbiner Jakob Abendana herausgegeben wurde (vgl. das Exemplar HB 55 A 16).
70 Johannes Buxtorf (1564—1629), seit 1591 Professor der orientalischen Sprachen in Basel, gab 1618 ff. in Basel eine Biblia hebraica et chaldaica heraus, in der er Targum, Masora und Kommentare der Rabbinen verarbeitet hat.
71 S. Glassius, Philologiae Sacrae, qua totius sacrosanctae Scripturae, tum Stylus et litera- tura, tum sensus et genuinae interpretationis ratio expenditur; libri quinque (1623ff.), Frankfurt a. M./Leipzig 1691 6 .
72 Der ursprüngliche Text lautete: „weil ich mich seinen kräfftigen Vater-Zug, dadurch er...“. Bei der Verbesserung ist „mich seinen“ stehengeblieben. Wir haben den Text sinnentsprechend korrigiert.
73 1. Joh. 2,4f.
74 Vgl. Gal. 5,22.