1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]

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bildung vom glauben, und in der That nichts als Unglauben. Doch war in solchen IV 2 Jahren, da ich zu Hause war, dem äusserlichen nach, mein Zustand besser als vorhin. Denn ich lag dem studieren ob mit großen Fleiß, und suchte auch im übrigen ein äusserliches erbares Leben zu führen, mein Hertz kam aber nicht zur rechten ruhe. Meine studia ( 215 a ) faste ich inzwischen in bessere Ordnung wiederholete guten theils die dinge die ich auff universitaeten und sonsten gefasset, tractirte fleissig V. et IST. T. in Hebräischer und griechischer Sprache, daneben lernete ich auch die Frantzöische Sprache, und übete mich in der Englischen Sprache, die ich zu Kiel gelernet. 75 Für der weit ward ich wol für einen frommen und fleissigen Studenten gehalten, der seine Zeit nicht übel angewant, ward auch von vielen lieb und wehrt gehalten, aber in der that war ich nichts als ein bloßer natürlicher mensch, der viel im Kopff hatte, aber vom rechtschaffenen wesen, das in Jesu Christo ist 76 weit genug entfernet war.

Nach verflossener solcher Zeit fand sich ein Studiosus zu Leipzig, der gefallen trüge einen auff die Stube zu sich zu nehmen, der ihn in Hebraicis privatissime anwiese. 77 Demselben ward ich fürgeschlagen, und kam also zu ihm nach Leipzig Anno 1684 vor ostern, da ich also gelegenheit funde meine studia weiter zu continuiren. Ließ mich also informiren in Studio Rabbinico von Hn. Christiani, Lectore Rabbinico zu Leipzig, 78 und von einem discipulo Etzardiano, der sich in Leipzig auffhielt ( 215 b ) ietzo Adjuncto Philosophiae in Wittenberg, Hn. M. Gerh. Meyern, welcher viel zeit, so ich ihm noch von Hertzen dancke, auff mich wante. 79 Daneben hielte ich auch einige andere collegia, als ein disputatorium über libros Symbolicos, ein Anti- Syncretisticum, 80 item ein Collegium historicum unter Hn. L. Rechenbergio. 81 it. ein examinatorium über distinctiones theologicas unter Hn. Lic. Cypriano, 82 it. ein disputatorium über dicta Script. S. unter H. D. Oleario, 83 it. ein examinatorium über

75 Vgl. vorl. Ausg., S. 11.

76 Vgl. Eph.4,21.

77 Johann Christoph Wichmannshausen (16631727), seit 1699 Professor für morgen­ländische Sprachen in Wittenberg. Er kannte Francke vom Gymnasium in Gotha her und gehörte 1686 zu den Mitbegründern des Collegium philobiblicum (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.59).

78 Friedrich Albert Christiani, gebürtiger Jude, trat 1674 zum Christentum über und war bis 1695 Lektor an der Leipziger Universität.

79 Gerhard Meier (16641723), 1685 Magister in Wittenberg, seit 1687 Adjunkt an der dortigen Philosophischen Fakultät, seit 1692 Professor der Logik am Hamburger Gymnasium, 16981701 als Superintendent in Quedlinburg in die pietistischen Streitigkeiten verwickelt, seit 1701 Superintendent in Bremen.

80 Aus dem Textzusammenhang geht nicht eindeutig hervor, bei wem Francke die Übung über die lutherischen Bekenntnisschriften, die Vorlesung gegen die Synkretisten, d. h. gegen die Anhänger der von Calixt geprägten Theologie, und die später erwähnte Übung über das Lehrbuch der orthodoxen Dogmatik von König gehört hat. Nach dem Zusammenhang könnten es A. Rechenberg und J. Olearius gewesen sein (vgl. die folgenden Anmerkungen).

81 Adam Rechenberg (16421721), seit 1677 Professor der alten Sprachen und der Geschichte in Leipzig, seit 1699 Professor der Theologie daselbst. Francke und Wichmannshausen wohnten zunächst bei ihm (vgl. Lebensnachrichten, a. a. O., S. 59). Sein Briefwechsel mit Spener bildet eine wichtige Quelle für die Leipziger Zeit Franckes (vgl. Illgen, a.a.O., S.5).

82 Johann Cyprian (16421723), seit 1676 Professor der Physik in Leipzig, 1678 Licentiat der Theologie, seit 1710 Professor der Theologie daselbst.

83 Johannes Olearius (16391713), seit 1664 Professor der griechischen Sprache in Leipzig, seit 1677 Professor der Theologie daselbst, 1678 Dokt. theol., wurde ein Freund der pietisti­schen Bewegung.