1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]

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( 216 b ) nach dem andern anfieng und endete. 95 Daneben ward mir auch ein anderer privatim zu informiren anvertrauet, 96 welches ich also fort triebe biß ich von dannen reisete.

Das beste unter allem ist gewesen das Collegium Philobiblicum, von dessen anfang und Fortgang ich nöthig erachte weitleufftiger Bericht abzustatten. 97 M. Paulus Antonius ietzo Theol. Lic. und Superintend. zu Rochlitz 98 fiel einmahl mit mir auff den discours, daß das Studium der beyden fundamental Sprachen, nemlich der griechischen und Hebraeischen so wenig exeoliret würde, welches wir beyde also miteinander beklagten, biß endlich gedachter H. Antonius wünschete, daß die magistri selbst untereinander sich darinnen üben möchten, welches mir so fort wolgefiel, und auch mit dazu rieth, daß wir dergleichen je eher je lieber anfangen möchten, und da wir es also untereinander abgeredet, sprachen wir unseumig einige gute Freunde unter denen Magistris drum an, daß sie mit uns zusammen treten, und dergleichen collegium anfangen möchten. Welches von ihnen auch gleich beliebet, und ( 217 a ) der anfang dazu des nechsten Sontags gemachet war." Die erste abrede war diese daß wir alle Sontage 2 Stunden, von 4 biß 6. Uhr, nemlich nach geendeter Predigt, wolten beysammen seyn, da dann erstlich einer ein Capitel aus dem A. und dann einer ein Capitel aus dem N. T. kürtzlich expliciren und appliciren solte, und zwar nach der Ordnung der Biblischen Bücher, wie ich denn also in der ersten lection explicirte Cap. 1. Geneseos und H. Antonius in derselben lection Cap. l.Matthaei. 100 Solches war nun nicht etwan was neues oder ungewöhnliches auff der Universitaet Leipzig. Denn man wol über funlftzig Jahr zurück solche collegia zehlen kan, welche die Magistri unter sich angefangen, sich über gewisse leges darinnen vereiniget, und dieselben unter sich fortgesetzet, wie dessen Zeugniß geben können das obenerwehnte große Prediger collegium, welches sich darnach auch getheilet in 2 collegia, da in einem des Montags im andern des Donnerst, in der Pauliner Kirchen einer aufftritt und prediget, die andern zusammentreten und die Predigt censiren, haben auch dabey ihren fiscum daraus die erforderte Unkosten pflegen genommen zu werden. 101

95 Nach seiner Aussage bei der Leipziger Untersuchung 1689 hat Francke seit dieser Zeit neben der Einführung in die orientalischen Sprachen Vorlesungen über alttestamentliche Schriften und die ersten Kapitel des Matthäus-Evangeliums gehalten, vor allem an Hand der Philologia Sacra von Glassius (vgl. Leipziger Protokoll, S.34).

"Seit 1685 wohnte Johann Caspar Schade (16661698) bei Francke, neben dem er 1687 zum Wortführer der pietistischen Studentenbewegung wurde (vgl. Lebensnachrichten, a. a.O., S.60; Callenberg, a.a.O., 1689,1, S.19f., 9011.). Über seine späteren Beziehungen zu Francke vgl. vorl. Ausg., S. 249.

97 Zur Entstehung und Geschichte des Collegium philobiblicum vgl. Illgen, a.a.O., S.lff.; Kramer, A. H. Francke, I, S. 19ff.

98 Paul Anton (16611730), 1680 Student der Theologie in Leipzig, 1682 Magister, 1689 Licentiat der Theologie und Superintendent in Rochlitz, seit 1695 Professor der Theologie in Halle.

99 Die Anregung zu diesem Gespräch gab eine Predigt Carpzovs. Zunächst waren nur drei Magister (Anton, Francke, Springer) beteiligt (vgl. Anton, a.a.O., S.9f.). Nach der ersten erhaltenen Fassung der späteren Statuten des Kollegs waren es bei der offiziellen Gründung am 18. Juli 1686 bereits acht Magister: A. Anton, G. Springer, J. Chr. Westphal, J. J. Möller, J. Chr. Wichmannshausen, A. H. Francke, G. Gleitsmann, Chr. Heider (zur Reihenfolge vgl. Illgen, a.a.O., S.8).

100 Vgl. das Protokoll der Sitzung vom 29. Juni 1687 bei Illgen, a.a.O., S.54ff.

101 Gegründet 1624. Die Trennung erfolgte um 1640 (vgl. J. Chr. Clausius, Schediasma historicum de collegio concionatorio majori et antiquiori, Leipzig 1717).