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I. Biographisches
( 217 b ) Desgleichen das collegium Oratorium, 102 Collegium Anthologicum, darinnen excerpta, so viel mir wissend ist, gemachet werden, 103 desgleichen das Collegium Gellianum, so noch einige von ietzo lebenden Herrn Professoribus mitgehalten, und welches des Sontags nachmittag gehalten worden. 104 Welches alles um deß willen erinnere, weil die weit über die so genanten collegia philo-biblica und pietatis so viel schreyens machet, als wärens neuerungen, und conventicula, aus welchen man nichts als Unordnung zu erwarten. 105 Da nun obenerwehntes collegium angefangen war, kam bald drauff H. D. Spener als Churf. Oberhoffprediger nach Dreßden, 106 welches Hn. L. Antonio gelegenheit gab, eine disputationem welche er gehalten, in Erinnerung der in Franckf. an denselben gesuchten Kundschafft, ihm zuzusenden, und einen kleinen Bericht qo. obiter von diesem unserm instituto anbey zufügen. 107 Den ( 218 a ) theuren Mann hatte nicht wenig erfreuet, daß er gleich bey seiner ankunfft von einer unter denen studiosis entstehenden Liebe zum Worte Gottes vernehmen solte, und ob er wol erkante, daß wir noch mehrentheils vom rechten zweck ziemlich möchten entfernet seyn, suchte er dennoch durch guten Raht und zu Gottes Ehre reifflicher zielende Vorschläge unserm geringen anfange auffzuhelffen. 108 Welches wir auch mit allem Danck annahmen, und uns darüber vereinigten, daß wir nicht so
102 Das Collegium Oratorium wird in den eingesehenen zeitgenössischen Überblicken nicht erwähnt. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Redeübung.
103 Das Collegium anthologicum wurde 1655 zu dem von Francke angegebenen Zweck gegründet. Nach einem gewissen Rückgang erlebte es 1685 eine neue Blüte. Neben früheren Mitgliedern des Collegium Gellianum (vgl. folgende Anmerkung) gehörten ihm u. a. A. G. Heshu- sius, A. Rechenberg und die späteren Mitglieder des Collegium philobiblicum J. J. Möller und G. Gleitsmann an (vgl. G. Chr. Gebauer, Anthologicarum dissertationum liber cum nonnullis adoptivis et brevi Gelliani et anthologici collegiorum lipsiensium historia, Leipzig 1733, S. IX, LXIIIff., LXXVIff.).
101 Das Collegium Gellianum wurde 1641 gegründet. Der Name stammt von dem antiken Exzerptensammler Aulus Gellius. Es diente dem gleichen Zweck wie das Collegium anthologicum. Ihm gehörten u. a. J. B. Carpzov, V. Alberti, J. Olearius, J. Feiler, O. Mencken, Chr. Pfautz und J. Cyprian an. Es scheint schon vor Franckes Leipziger Studienzeit eingegangen zu sein. Die genannten Professoren waren später fast alle Mitglieder des Collegium anthologicum (vgl. Gebauer, a.a. O., S. XX, XLIVff.).
105 Vgl. die Sammlung der Streitschriften in den Acta pietistica, Frankfurt a. M. 1691 f. (HB 51 D 12).
106 Philipp Jakob Spener (1635—1705), nach ausgedehnten wissenschaftlichen Studien seit 1666 Senior der Geistlichkeit in Frankfurt a. M-, seit 1686 Oberhofprediger in Dresden, seit 1691 Oberkonsistorialrat und Propst in Berlin. Er kam bereits am 6. Juli 1686 nach Dresden und trat sein Amt am 11. Juli an. Die Unstimmigkeit in der Datierung findet sich in allen zeitgenössischen Berichten (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 20). Sie erklärt sich vielleicht aus der Differenz zwischen den ersten noch privaten Anfängen und dem offiziellen Gründungstermin des Kollegs.
107 Anton hatte Spener 1680/81 auf der Flucht vor der in Leipzig herrschenden Pest kennen- gelemt (vgl. Anton, a.a.O., S. 15 ff.). Welche seiner Disputationen er Spener zugesandt hat, läßt sich nicht nachweisen.
108 Der für die Entwicklung des Collegium philobiblicum und für Franckes weiteres Schriftstudium entscheidende Brief vom 7. September 1686 findet sich abgedruckt in Ph. J. Spener, Consilia, Bd. I, Halle 1709, S. 243 ff. Im April 1687 nahm Spener auch an einer Sitzung des Kollegs teil (vgl. lügen, a.a.O., S.21 ff.; Ph. J. Spener, Consilia, Bd. II, Haüe 1709, S.696ff.). Francke hat ihn bei dieser Gelegenheit persönlich kennengelernt und auch seine Predigt am Sonntag Cantate (24. April 1687) gehört, in der Spener eindringlich vor einem rein historischen Glauben warnte (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.61; Ph. J. Spener, Die Evangelische Glaubenslehre, Frankfurt a. M. 1688, S. 562 ff.).