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I. Biographisches
malige Besuchung an den Tag legten. 115 (219 b ) In solchem Zustande hatte ich das Collegium gelassen, da ich von Leipzig weggereiset. Ich kan versichern, daß ich solches Collegium für das nützlichste und beste rechnen muß, welches ich ie auff uni- versitaeten gehalten, wenn ich den Nutzen ansehe, welcher mir daraus erwachsen. Denn mich dieses erst recht in das Studium textuale hineingebracht, daß ich die großen Schätze, welche uns in der H. Sch. dargereichet worden besser erkennen, und aus der H. Sch. selbst herfürsuchen lernete, da ich zwar vorhin auch die Bibel fieissig tractiret, aber mehr um die Schale als um den Kern und die Sache selbst war bekümmert gewesen. Wolffg. Frantzius de interpretatione Scripturae S. 116 Lutheri Comm. in Genesin 117 und andere Schrifften welche ich dabey gebrauchte, zeigten mir nun besser wie ich mit der H. Schrillt umgehen, sie recht verstehen, und zu nutzen anwenden solte, und da die vielfältige praxis dazu kam, wurde mirs immer leichter, ab(220 a ) sonderlich da ich dem guten Raht, welcher mir gegeben ward, treulich folgete, nicht nur bloß auff frembde gedancken, welche ich etwa in Büchern fünde, zu sehen, sondern auch selbst zuzusehen, was ich aus einem ieglichen text für einen deutl. verstand fassen, und für Lehren, Ermahnungen und Trost schöpffen könte.
Mitler weile geschähe es, daß eine disputatio de Quietismo contra Molinosum öffentlich daselbst gehalten ward, 118 da der Autor disputationis 119 öffentlich bekante, daß er bey Verfertigung der disputation das scriptum des Autoris selbst nicht gesehen, sondern daß er seine disputation theils auff die Advisen, theils auff den extract, welcher in denen Actis Eruditorum Lipsiensibus aus dem Segnerio dem Adversario des Molinosi, 120 gründete. Hievon ward nicht allein in der publica oppositione sondern auch darnach vielfältig geredet, 121 und daher von vielen gewünschet, daß man doch den (220 b ) Autorem selbst lesen möchte, biß mir endlich von einem fürnehmen Mann daselbst an die Hand gegeben ward, den Autorem an die Hand zu schaffen, und aus der Italiaenischen Sprache ins Lateinische zu übersetzen, nur zu dem Ende, damit man historice wissen könne, was doch der Mann für Lehre führe. 122 Ich überlegte
115 Zu den auswärtigen Gästen und Ratgebern gehörten u. a. Veit Ludwig v. Seckendorf (vgl. vorl. Ausg., S. 257) und Ahasverus Fritsch (1629—1701), Kanzler der Grafschaft Schwarzburg-Rudolstadt, Vertreter der kirchlichen Reformbewegung (vgl. Anton, a.a.O., S.61 ff.; Personalia, a.a. O., S.19).
116 Wolfgang Franz (1564—1628), seit 1605 Professor der Theologie in Wittenberg. Seine Schrift De interpretatione Sacrarum Scripturarum legitima erschien 1619 in Wittenberg.
117 Zur Bedeutung der Genesisvorlesung Luthers für Francke vgl. Stahl, a. a. O., S. 51 ff.
118 Miguel de Molinos (1628—1696), Säkularpriester in Spanien und Rom. Seine von der spanischen quietistischen Mystik bestimmten Gedanken erregten die Kritik der Jesuiten. Er wurde 1685 durch die Inquisition verhaftet und 1687 zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt. Die Disputation fand am 3. Mai 1687 unter dem Vorsitz von Carpzov statt.
119 Die Disputationsschrift trägt den Titel De religione Quietistarum (HB 17 D 10). Ihr Verfasser ist der nachmalige Doktor der Theologie und Leipziger Pastor Johannes Günther (1660-1714).
120 Paolo Segneri (1624—1694), Jesuit und Beichtvater. Der Extrakt seiner Schrift Concordia tra la Fatica e la Quiete nell Orazione, Bologna 1681, findet sich in der Januarnummer der Acta eruditorum lipsiensia 1687, S. 19ff.
121 Vor allem durch Carpzov, der die Thematik auch in seinen Predigten abgehandelt haben soll (vgl. Callenberg, a. a. 0., 1689, I, S. 114).
122 Nach einem Brief Franckes an A. H. Gloxin vom 5. September 1687 hat Spener Francke zur Übersetzung angeregt und ihm auch ein Exemplar des Guida spirituale zukommen lassen (vgl. Weigelt, a.a.O., S.59). Franckes Formulierung macht wahrscheinlich, daß daneben auch V. L. v. Seckendorf zu den Vermittlern gehörte, von dem der Extrakt aus dem Werk des Segnerius in den Acta eruditorum lipsiensia stammen soll. Hier wird auf die von Francke benutzten Ausgaben der Schrift des Molinos verwiesen (vgl. Callenberg, a.a.O., 1689,1, S.114)