1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]
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solches noch mit einem andern von den Hn. Professoren, welcher es mir gleichfalls riehte. 123 Folgete also ihrem Raht und Gutdüncken, conferirte 2 exemplaria, welche mir communiciret wurden, und übersetzte die beyden tractaetlein des Molinosi nemlich seine Guida Spirituale und della communione cotidiana, 124 schlug darneben die Autores mysticos, aufF welche er sich beziehet, in bibliotheca Paulina selbst aulf, und unterliesse mit meinem willen nichts des Autoris meynung klar und deutlich an den Tag zu legen. 125 H. D. J. Ben. Carpzo/22J“J vius riehte mir auch mit allem Ernst dazu, nebst Hn. Prof. Fellero, 126 (in dessen Gegenwart au ff der Bibliotheca Paulina es geschähe) erbothe sich, mir einen Verleger dazu zu schaffen, (da ich mich aber bereits gegen einen verbindlich gemachet hatte) und nahm es auch nachgehends als Decanus Fac. Theol. in seine Censuram. 127 Welches um des willen nach der warheit anführe, weil mir nach der zeit solche Übersetzung von einem und dem andern übel gedeutet worden, da ich doch mit öffentlicher Genehmhaltung solches gethan, ohne den allergeringsten wiederspruch, auch mit vorsetzung meines Namens und einer kurtzen praefation meine intention zur gnüge bezeuget. 128 So ist mir auch nach der Zeit von meinen wiederwärtigen, welche ihren Schmähungen gern einen Schein anstreichen wollen, fälschlich beygemessen worden, ich hätte des Molinosi irrige principia gefasset, mich dadurch verleiten lassen, und darnach andern wieder eben dieselbigen ( 221 b ) beygebracht. 129 Da doch erstl. dieses nicht der anfang meiner ernstlichen Bekehrung zu Gott gewesen, wie ich darnach ausführlicher erzehlen werde, zum andern ich niemals weder besonders noch öffentlich gesaget, daß ich alles was im Molinos stehet billichen oder behaupten könne, sondern vielmehr (3) gerahten die H. Schrifft und andere zur Erbauung durch einen lautern Grund der H. Schrifft führende Schrifften zu lesen. Dabey ich aber nicht leugne, daß mir allezeit sehr mißfallen, daß viele so blind über diesen Autorem hergefallen, und ihn verdammet, darinnen sie ihn nicht verstanden, ja nicht einmahl gelesen, und ihm daher opiniones beygemessen, die dem Autori wol Lebenslang nicht in den Sinn kommen, ja daß ich auch im Gegentheil wol gesaget, daß viel nützliches und zur Erbauung höchst verträgliches in dem Buche enthalten, welches ich in Ewigkeit nicht verwerffen oder verdammen könte. Denn ( 222 a ) man ja die warheit allezeit lieben sol, sie finde sich bey einem freunde oder Feinde; ja man soll alles prüffen, und das Beste behalten 1. Thess. V. 130 Zum Ex. was erwehnter Autor in seinem 3. B. von der Demuth
123 Nach einem späteren Bericht Franckes hat er J. Cyprian auf die Unterschiede zwischen den Aussagen des Molinos und den Vorwürfen der Kritiker hingewiesen und wurde daraufhin von diesem zur Übersetzung gedrängt (vgl. Callenberg, a. a. 0., 1689, I, S. 114).
124 Francke legte seiner Übersetzung des Guida spirituale die italienischen Ausgaben von Rom (1681) und Venedig (1685) zugrunde. Der Traktat Della communione cottidiana war dem Druck in Venedig angefügt. Francke hat für die Übersetzung einen 1682 erschienenen italienischen Separatdruck verglichen.
125 Michael Molinos, Manuductio spiritualis, extricans animam, eamque per viam interiorem ad acquirendam contemplationis perfectionem, ac divitem pacis interioris thesaurum deducens, una cum tractatu ejusdem de quotidiana communione, fideliter & stylo Mysticorum confor- miter in latinam lingvam translata M. Aug. Hermanno Franckio, Leipzig 1687.
126 Joachim Feiler (1628—1691), seit 1676 Professor der Poesie und Bibliothekar der Universität Leipzig. Er gehörte später zu den Freunden der pietistischen Bewegung.
127 Vgl. Callenberg, a.a. O., 1689, I, S. 114.
128 Die Übersetzung erschien im Herbst 1687, nicht zur Ostermesse, wie allgemein nach den „Lebensnachrichten“ angegeben wird (Datum der Widmung: 26. August 1687).
129 Vgl. Leipziger Protokoll, S. 33, 42.
130 1. Thess. 5,21.
3 Peschke, Francke-Werke