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I. Biographisches
sonderlich gelegenheit zu nehmen von einem wahren lebendigen glauben zu hand- len, ( 227 a ) und wie solcher von einem bloßen menschlichen und eingebildeten wahn- Glauben unterschieden sey. Indem ich nun mit allem Ernst hierauf! bedacht war, kam mir zu Gemüth, daß ich selbst einen solchen Glauben, wie ich ihn erfordern würde in der predigt, bey mir nicht fünde. Ich kam also von der meditation der predigt ab, und fand gnug mit mir selbst zu thun. Denn solches, nemlich, daß ich noch keinen wahren Glauben hätte, kam mir immer tieffer zu Hertzen. Ich wolte mich hier und damit auffrichten, und gleichsam die traurigen gedancken damit verjagen, aber es wolte nichts hinlänglich seyn. Ich war bißhero nur gewöhnet meine vernunfft mit guten gründen zu überzeugen, weil ich im Hertzen von dem neuen wesen des Geistes wenig erfahren hatte. Darum meynte ich mir nun auch durch solchen weg zu helffen, aber je mehr ich mir helffen wolte, je tieffer stürtzte ich mich in unruhe und zweiffel. Ich nahm zur Hand Hn. Joh. Musaei Collegium Systematicum MS. 144 welches ich mir bißhero für andern bekant gemachet hatte, aber ich muste es wieder weg legen, und fand nicht woran ich mich hätte halten mügen. ( 227 b ) Ich meynte, an die H. Schrifft würde ich mich doch halten, aber bald kam mir in den Sinn, wer weiß ob auch die H. Schrifft Gottes wort ist, die Türcken geben ihren Alcoran, und die Juden ihren Talmud auch dafür aus, wer wil nun sagen, wer recht habe. Solches nahm immer mehr die überhand, biß ich endlich von dem allen was ich mein Lebenlang, insonderheit aber in dem über acht Jahr getriebenen Studio theolo- gico von Gott und seinem geoffenbahrten wesen und willen gelernet, nicht das geringste mehr übrig war, das ich von Hertzen geglaubet hätte. Denn ich glaubte auch keinen Gott im Himmel mehr, und damit war alles aus, daß ich mich weder an Gottes noch an menschen wort mehr halten kunte, und ich fand auch damahls in einem so wenig Krafft als in dem andern. Es war nicht etwa bey mir eine solche ruchlosigkeit, daß ich aus weltlich gesinnetem Hertzen die warheit Gottes in den wind geschlagen hätte. Wie gerne hätte ich alles geglaubet, aber ich ( 228 a ) konte nicht. Ich suchte auff diese und jene weise mir selbst zu helffen, aber es reichte nichts hin. Inzwischen ließ sich Gott meinem Gewissen nicht unbezeuget. Denn bey solcher würcklichen Verleugnung Gottes, welche in meinem Hertzen war, kam mir dennoch mein gantzes bißheriges Leben vor äugen, als einem der auff einem hohen Turm die gantze Stadt übersiehet. Erstlich konte ich gleichsam die Sünden zehlen, aber bald öffnete sich auch die Haupt-qvelle, nemlich der Unglaube, oder bloße Wahn-Glaube, damit ich mich selbst so lange betrogen. Und da ward mir mein gantzes Leben, und alles was ich gethan, geredt, und gedacht hatte als sünde, und ein großer greuel für Gott für- gestellet. Das Hertz war hart beängstiget, daß es den zum Feinde hatte, welchen es doch verleugnete, und nicht glauben kunte. Dieser Jammer pressete mir viel thränen aus den äugen, dazu ich sonst nicht geneiget bin. Bald saß ich an einem Ort und weynete, bald ging ich in großem Unmuth hin und wieder, bald fiel ich nieder auff meine ( 228 b ) Knie, und ruffte den an, den ich doch nicht kante. Doch sagte ich, wenn ein Gott warhafftig wäre, so möchte er sich mein erbarmen. Und solches trieb ich offt und vielfältig. Wenn ich bey Leuten war, verstellete ich mein innerliches Elend, so gut ich immer konte.
Einsmahls, da ich abgespeiset hatte, verlangete ich zu einem in der nähe wohnenden Superintend. 145 mit meinem Tischwirth zu gehen, welcher es auch einwilligte.
144 Johannes Musäus (1613—1681), seit 1646 Professor der Theologie in Jena. Ein von ihm verfaßtes Collegium theologicum findet sich handschriftlich im Archiv der Franckeschen Stiftungen (AFSt H 18,1).
145 Heinrich Wilhelm Scharff, Superintendent in Lüne, Verfasser der „Lünischen Rechnung“, o. 0. 1696 (vgl. Lebensnachrichten, a.a. 0., S. 61 f.).