1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]

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Ich nahm inzwischen, für dem Tische stehend, das griechische N. T. in die Hand, drinnen zu lesen. Als ichs auffschlug, sagte mein Tischwirth, Ja wir haben wol hieran einen großen Schatz. Ich sähe mich um und fragte ihn, ob er sehe, was ich auff- geschlagen hätte. Er sagte nein. So, sagte ich, sehe er die antwort: wir haben aber den Schatz in irdischen gefässen etc. 2. Cor. IV. 146 Solche Worte mir gleich als er solches gesaget, ins Gesichte fielen. Dieses gieng mir zwar ein wenig zu Hertzen, und ge­dachte, daß es wol nicht ungefehr also kommen möchte, es schiene auch gleichsam ein verborgener Trost da(229 a )dnrch sich in mein Hertz zu sencken, aber mein Atheistischer Sinn brauchte bald die verdorbene yernunfft zu seinem werckzeuge, mir die Krafft des göttl. Worts wieder aus dem Hertzen zu reissen. Ich setzte nebst meinem Tischwirthe den fürgenommenen weg fort, traffen auch erwehnten Superintendentem zu Hause an, welcher uns in die Stube führete, und niedersitzen Hesse. Kaum hatten wir uns niedergesetzet, fieng erwehnter H. Superintendens an zu discouriren, woraus der Mensch erkennen solte, ob er Glauben habe oder nicht? über solche Frage ward unterschiedliches unter ihnen geredet, so wol einen gläubigen hätte stärcken mügen. Ich saß aber dabey, verwunderte mich anfänglich, und gedachte, ob sie auch von ungefehr auff einen solchen mir höchst nöthigen discours kommen könten, da doch keiner von meinem zustande, wie auch sonst kein Mensch in der gantzen weit, das geringste wüste. Ich hörete ihnen auch fleissig zu, aber mein Hertz wolte sich dadurch nicht stillen, sondern ich ward vielmehr dadurch überzeuget, daß ich keinen Gl. hätte, (229 b ) weil ich gerade das Gegentheil von denen Kennzeichen des Glaubens, so sie aus dem Grunde der Schrifft anführeten, an mir erkante. Da wir abschied genommen hatten, und ich mit meinem Hn. Tischwirth wieder zurück in die Stadt gienge, offenbahrete ich demselben mein Hertz, sagend: wenn er wüste, in welchem zustande ich wäre, würde er sich wundern wie sie eben auff einen solchen discours kommen wären. Und da er fragte: in welchem? antwortete ich: Ich hätte keinen Glau­ben. Er erschrack dessen, und suchte alles herfür, mich auffzurichten. Ich legte mich dagegen mit meiner Yernunfft, und sagte endlich zum Beschluß: was er angeführet, möchte ihn wol stärcken, aber mir könte es nicht helffen. Nun hätte ich auch wün­schen mögen, daß ichs bey mir behalten hätte.

Inzwischen fuhr ich in meinem vorigen thun fort, und hielte an mit fleissigem Ge- beth auch in der grösten Verleugnung meines eigenen Hertzens. Folgenden Tages, welches war an einem Sontage, gedachte ich mich gleich also in voriger Unruhe zu Bette zu legen, (230 a ) war auch drauff bedacht, daß ich, wenn keine änderung sich ereignete, die Predigt wieder absagen wolte, weil ich im Unglauben und wieder mein eigen Hertz nicht predigen, und die Leute also betriegen könte. Ich weiß auch nicht, ob es mir würde müglich gewesen seyn. Denn ich fühlete es gar zu hart, was es sey, keinen Gott haben, an den sich das Hertz halten könne; Seine Sünden beweynen, und nicht wissen warum, oder wer der sey, der solche thränen auspresset, und ob warhafftig ein Gott sey, den man damit erzürnet habe; sein Elend und großen Jam­mer täglich sehen, und doch keinen Heyland und keine Zuflucht wissen oder kennen. In solcher großen angst legte ich mich nochmals an erwehntem Sontag abend nieder auff meine Knie, und rieffe an den Gott, den ich noch nicht kante, noch Glaubte, um Rettung aus solchem Elenden zustande, wenn anders warhafftig ein Gott wäre. Da erhörete mich der Herr, der lebendige Gott, von seinem h. Thron, da ich noch auff meinen Knien lag. So groß war seine Vater-Liebe, daß er mir nicht (230 b ) nach und nach solchen zweiffel und Unruhe des Hertzens wieder benehmen wolte, daran mir wol hätte genügen können, sondern damit ich desto mehr überzeuget würde, und

146 2. Kor. 4,7.