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I. Biographisches
meiner verirreten Yernunfft ein zäum angeleget würde, gegen seine Krafft und Treue nichts einzuwenden, so erhörete er mich plötzlich. Denn wie man eine Hand umwendet, so war alle mein Zweiffel hinweg, ich war versichert in meinem Hertzen der Gnade Gottes in Christo Jesu, ich kunte Gott nicht allein Gott sondern meinen Vater nennen, alle Traurigkeit und Unruhe des Hertzens ward auff einmahl weggenommen, hingegen ward ich als mit einem Strom der Freuden plötzlich überschüttet, daß ich aus vollem Muth Gott lobete und preisete, der mir solche große Gnade erzeiget hatte. Ich stund gar anders gesinnet wieder auff, als ich mich niedergeleget hatte. Denn mit großem Kummer und zweiffel hatte ich meine Knie gebogen, aber mit unaußsprechlicher Freude und großer Gef23I a Jwißheit stand ich wieder auff. Da ich mich niederlegte glaubte ich nicht, daß ein Gott wäre, da ich auffstand hätte ichs wol ohne Furcht und zweiffel mit vergiessung meines Bluts bekräfftiget. Ich begab mich drauff zu Bette, aber ich konte für großen Freuden nicht schlaffen, und wenn sich etwa die äugen ein wenig zuschlossen, erwachte ich bald wieder, und fieng auffs neue an den lebendigen Gott, der sich meiner Seele zu erkennen gegeben, zu loben und zu preisen. Denn es war mir, als hätte ich in meinem gantzen Leben gleichsam in einem tieffen Schlaff gelegen, und als wenn ich alles nur im Traum gethan hätte, und wäre nun erstlich davon auffgewachet. Es durffte mir niemand sagen was zwischen dem natürlichen Leben eines natürlichen menschen, und zwischen dem Leben, das aus Gott ist, für ein unterscheid sey. Denn mir war zu muht als wenn ich todt gewesen wäre, und siehe ich war lebendig worden. Ich kunte mich nicht die Nacht über in meinem Bette halten, sondern ich sprang für freuden herauß (231 b ) und lobete den Herrn meinen Gott. Ja es war mir viel zu wenig, daß ich nur Gott loben solte, ich wünschte daß alles mit mir den Namen des Herrn loben möchte. Ihr Engel im Himmel, rieff ich, lobet mit mir den Namen des Herrn, der mir solche Barmhertzig- keit erzeiget hat. Meine vernunfft stand nun gleichsam von ferne, der Sieg war ihr aus den Händen gerissen, denn die Krafft Gottes hatte sie dem Glauben unterthänig gemachet. Doch gab sie mir zuweilen in den Sinn, solte es auch wol natürlich seyn können, solte man nicht auch von natur solche große Freude empfinden können; aber ich war gleich dagegen gantz und gar überzeuget, daß alle weit mit aller ihrer Lust und Herrligkeit solche Süssigkeit im menschlichen Hertzen nicht erwecken könte, als diese war, und sähe wol im Glauben, daß nach solchen Yorschmack der Gnade und Güte Gottes die weit mit ihren reitzungen zu einer weltlichen Lust wenig mehr bey mir ausrichten würde. Denn die Ströme des lebenf232 a ) digen wassers waren mir nun alzu lieblich worden, daß ich leicht vergessen konte der stinckenden mistpfützen dieser weit. 0 wie angenehm war mir diese erste milch, damit Gott seine schwachen Kinder speiset! Nun hieß es, aus dem 36. Psalm: Wie theuer ist deine güte Gott, daß Menschen Kinder unter dem Schatten deiner Flügel trauen. Sie werden truncken von den reichen gütern deines Hauses, und du tränckest sie mit wollust als mit einem Strom. Denn bey dir ist die lebendige qvelle, und in deinem Liecht sehen wir das Liecht. 147 Nun erführe ich, war zu seyn, was Lutherus saget in der Vorrede über die Epistel an die Römer: Glaube ist ein göttlich werck in uns, das uns wandelt und neugebieret aus Gott Joh. 1,12. und tödtet den alten adam, machet uns gantz andere Menschen, von Hertzen, Muht, Sinn und allen Kräfften, und bringet den II. Geist mit sich pp. 148 Und: Glaube ist eine lebendige, erwegene Zuversicht auff Gottes Gnade, so gewiß daß er tausend mahl drüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkentniß göttlicher Gnade machet
147 Ps. 36,8-10.
148 Zur Bedeutung der Römerbrief-Vorrede Luthers für Francke vgl. Stahl, a.a.O., S.51 u. ö.; die zitierte Stelle findet sich WA Deutsche Bibel 7, lOf.