1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]
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frölich, trotzig, und lustig gegen Gott und alle Creaturen, welches der H. G. thut im glauben pp. (232 b ) Gott hatte nun mein Hertz mit Liebe gegen ihn erfüllet, die weil er sich mir als das allerhöchste und allein unschätzbare Guth zu erkennen gegeben. Daher konte ich auch des folgenden tages meinem Hn. Tischwirth, der um meinen vorigen elenden zustand gewust hatte, diese meine Erlösung nicht ohne thränen erzehlen, darüber er sich mit mir erfreuete. Des mittewochens drauff verrichtete ich nun auch, die mir auffgetragene predigt mit großer Freudigkeit des Hertzens, und aus wahrer göttlicher Überzeugung über den oben angeführten 21 vers. des XX Cap. Johannis, 149 und kunte da mit warheit sagen aus 2. Cor. IY. Dieweil wir nun eben denselbigen Geist des Glaubens haben, nachdem geschrieben stehet, ich glaube darum rede ich, so glauben wir auch, darum reden wir auch. 150
Und daß ist also die zeit, dahin ich eigentlich meine warhafftige Bekehrung rechnen kan. Denn von der zeit her hat es mit meinen Christenthum einen Bestand gehabt, und von da an ist mirs leicht worden zu verleugnen das ungöttliche wesen, und die weltliche Lüste, und züchtig, gerecht und gottseelig zu leben in dieser weit, 151 von da an habe (233°) mich beständig zu Gott gehalten, Beförderung, Ehre und ansehen für der weit, Reichthum, gute Tage und äusserliche weltliche Ergetzligkeit, für nichts geachtet, und da ich vorhin mir einen götzen aus der Gelehrsamkeit gemachet, sähe ich nun daß Glaube wie ein Senffkorn mehr gelte als hundert Säcke voll Gelehrsamkeit, und daß alle zu den Füssen Gamalielis 152 erlernete wissenschafft als dreck zu achten sey gegen die überschwengliche Erkentniß Jesu Christi unsers Herrn. 153 Von da an habe auch erst recht erkant, was Welt sey, und worinnen sie von den Kindern Gottes unterschieden sey. Denn die weit fienge auch bald an mich zu hassen und anzufeinden, oder einen wiederwillen und Verdruß über mein thun spüren zu lassen, auch sich zu beschweren oder mit Worten mich anzustechen, daß ich auff ein ernstliches Christenthum mehr, als sie etwa nöthig vermeynten, drunge. Aber ich muß auch hierinnen die große treue und weißheit Gottes rühmen, welche nicht zulässet, daß ein schwaches Kind durch alzu starcke speise, eine zarte pflantze (233 b ) durch einen alzu rauhen wind verderbet werde, sondern er weiß am besten wenn und in welcher maaß er seinen Kindern etwas aufflegen, und dadurch ihren Glauben prüffen und leutern soll. Also hat mir es auch nie an prüffungen gefehlet, aber Gott hat dabey meiner Schwachheit allezeit geschonet, und mir erst ein gar geringes, und dann nach und nach immer ein größeres maaß des Leidens zugetheilet, da mir aber allezeit nach der von ihm ertheilten Göttlichen Krafft das letztere und größere viel leichter worden zu tragen, als das erste und geringere.
149 Joh. 20,31.
150 2. Kor.4,13.
151 Vgl. Tit.2,12.
152 Vgl. Apg.22,3.
153 Vgl. Phil. 3,8.