2. Die Fußstapfen Gottes, 1701

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Die Fußstapffen Des noch lebenden und waltenden liebreichen und getreuen GOTTES / Zur Beschämung des Unglaubens / und Stärckung des Glaubens /

Durch den Ausführlichen Bericht Vom Waysen-Hause /

Armen-Schulen / und übriger Armen-Verpflegung Zu Glaucha an Halle /

Wie selbige fortgesetzt biß Ostern Anno 1701.

Entdecket von August Hermann Francken / S. Th. Prof. Ord. und Past.

In Verlegung des Waysen-Hauses zu Glaucha an Halle / 1701.

(13) Das I. Capitel.

Vom, Ursprung / Veranlassung / und Fort­gang des gantzen Wercks.

I.

WAs den Ursprung / Veranlassung und Fortgang des gantzen Wercks betrifft / ist davon bereits vor etlichen Jahren einige Nachricht in öffentlichen Druck gegeben / woraus jetzo das vornehmste kürtzlich zu wiederhohlen / und biß auff diese Zeit zu continuiren seyn wird. 1

Es war vormahls in Halle so wol / als in der Vorstadt / gewöhnlich / daß die Leute einen gewissen Tag bestimmten / an welchem die Armen zugleich vor ihre Thüre kommen / und die Allmosen also wöchentlich einmahl abfodern sollten. Weil nun solches in meiner / als Pastoris zu Glaucha / Nachbarschafft des Donnerstages ge­schähe / so kamen die armen Leute von sich selbst darauf! / daß sie an eben dem Tage vor meiner Thür / zu gleichem Ende sich häuffig versammleten. Ich ließ ihnen eine zeitlang vor der Thüre Brodt austheilen; bedachte aber bald darbey / daß dieses eine erwünschte Gelegenheit sey / denen armen Leuten / als bey welchen mehrentheils grosse Unwissenheit zu seyn / und viele Boßheit vorzugehen pfleget / auch an ihren Seelen durchs Wort GOttes zuhelffen.

Daher / als sie einsmahls auch vor dem Hause auff die leiblichen Allmosen warte­ten / ließ ich sie alle ins Hauß kommen / hieß auff eine Seite die Alten / auff die andere das junge Volck treten / (14) und fieng alsofort an / die Jüngern freundlich zu fragen aus dem Catechismo Lutheri / von dem Grunde ihres Christenthums / ließ die Alten zuhören / brachte mit solcher Catechisation nur etwa eine Viertel-Stunde zu / be­schloß mit einem Gebet / und theilete darauf! nach Gewohnheit die Gaben aus / mit beygefügter Vorstellung / daß sie also künfftig allezeit das Geistliche und Leibliche zugleich haben sollten / und ermahnete sie allzeit des Donnerstages auff gleiche Weise in meinem Hause zu erscheinen / welches sie denn auch thaten. Dieses ist zu Anfang des 1694ten Jahres angefangen.

II.

Weil ich nun bey dem armen Volck solche grobe und greuliche Unwissenheit fand / daß ich fast nicht wußte / wo ich anfangen sollte / ihnen einen festen Grund ihres Christenthums beyzubringen / bin ich von solcher Zeit her bekümmert gewesen / wie ihnen nachdrücklicher geholffen werden möchte / wohl erwegend / daß dem Christ­lichen und gemeinen Wesen ein sehr grosser Schade daraus entstehe / daß so vieles Volck / als das Vieh / ohne alle Wissenschafft von GOtt und Göttlichen Dingen dahin

1 Gemeint ist dieHistorische Nachricht. Francke übernimmt im folgenden (§§ 125) die dort gemachten Ausführungen fast wörtlich. Ausgelassen werden einige Detailschilderungen, vor allem aber theologisch-erbauliche Bemerkungen (vgl. die folgenden Anmerkungen).