I. Biographisches
gehet / insonderheit aber / daß so viele Kinder / wegen der Armuth ihrer Eltern / weder zur Schulen gehalten werden / noch sonst einiger guten Aufferziehung geniessen / sondern in der schändlichsten Unwissenheit / und in aller Boßheit auffwachsen / daß sie bey zunehmenden Jahren zu nichts zu gebrauchen seyn / und daher sich auff stehlen / rauben und andere böse Thaten begeben.
Wenn man gleich gedachte / die Kinder zur Schulen zuhalten / und ihnen das wöchentliche Schulgeld zureichen / so befand sich / daß sie zwar das Schulgeld richtig abforderten / aber entweder nicht in die Schule giengen / oder doch keine Besserung dadurch von sich spühren liessen.
III.
Hierzu kam / daß mir die Noth derer Hauß-Armen / die sich von dem öffentlich- Allmosen-sammlen enthalten / sehr zu Hertzen gienge. Diesen nun auff einige Weise zudienen / kauffte ich eine Allmosen-Büchse / ließ bey Christlichen Studiosis und andern Leuten / die sich freywillig dazu verstunden / solche wöchentlich herumb geben / und kam auff diese Weise etwa wöchentlich ein halflSJber Thaler ein / welches ich zu Versorgung der Hauß-Armen zu Hülffe nahm.
IV.
Es währete aber nicht lange / so schiene diese Büchse einigen beschwerlich zuwerden / und kam so wenig ein / daß es sich der Mühe fast nicht verlohnete / sie noch ferner herumb zugeben / sonderlich da man dieselbe niemanden offerirte / als wo man sich eines guten Willens versichert hielte / solche aber am wenigsten das Vermögen darzu hatten / und die Reichen von ihrem Überfluß nichts dazu gaben / wie mans auch von ihnen nicht begehrete / dieweil sich keine Kennzeichen einiger wahren Verläugnung an ihnen zeigten / ob wohl einige dererselben das Ansehen haben wollten / als ob sie sonderliche Liebhaber des Worts GOttes wären.
V.
Daher stellte ich dieses gar ein / ließ aber in der Wohn-Stuben des Pfarr-Hauses eine Büchse fest machen / und oben drüber schreiben / 1. Joh. III, v. 17. So jemand dieser Welt Güter hat / und siehet seinen Bruder darben / und schleußt sein Hertz vor ihm zu / wie bleibet die Liebe GOTTES bey ihm? Und drunter. 2. Cor. IX, v. 7. Ein jeglicher nach seinem Willkühr / nicht mit Unwillen / oder Zwang / denn einen frölichen Geber hat GOtt lieb. Dieses sollte die jenigen / so bey mir aus und eingiengen / oder von andern Orten zu mir kämen / selbst erinnern / ihr Hertz gegen die Armen auffzu- schliessen. Solches geschähe zu Anfang des 1695ten Jahrs / daß ichs mit dieser Büchse anfieng.
VI.
Und also habe ich eine geraume Zeit auff diese und andere Weise versuchet / wie die Armen recht versorget werden könnten / und ist jedes in seiner Maasse von GOtt gesegnet worden. 2 Ehe ich noch erwähnter Maassen die Armen-Büchse in der Pfarr- Wohnung befestiget / jedoch nur einige Tage vorher / kam ich gleich / als von ohn- gefehr bey die Bibel / und laß die Worte 2. Cor. IX. v. 8. GOtt kann machen / daß
In der ,,Historischen Nachricht“ berichtet Francke mit negativem Akzent: ,,es hat aber auf keine Weise gelingen wollen / zum wenigsten hat sichs nie der Mühe verlohnet.“ Es folgt dann eine Ausführung über das Gebet und die Erhörung (a.a.O., S.9f.).