2. Die Fußstapfen Gottes, 1701

allerley Gnade unter euch reichlich sey / daß ihr in allen Dingen volle Gnüge habt / und reich seyd zu allerley guten Wercken. Diese Worte beküm(T6jmerten mein Hertz / daß ich. gedachte: Wie kann GOtt machen? Ich wollte gerne manchen Armen gutes thun / wenn ich was dazu hätte. Nun muß ich manchen leer und ohne Hülffe von mir gehen lassen. Etliche Stunden drauff / kriegte ich ein Schreiben von einem Christlichen Freunde / der sich sehr schmertzlich beklagte / daß er mit den Seinigen in Armuth verderben müßte / er wolle von niemand mehr etwas borgen / wolle ihm jemand etwas umb Gottes Willen geben / so wolle ers mit Danck annehmen.

Da erinnerte ich mich dessen / was ich kurtz vorher gelesen / und war noch mehr solcher Worte wegen bekümmert / und zum Gebet und Seufftzen bewogen; kam endlich in meinem Gemüth auff einen Anschlag / wie diesem Mann in solcher Noth auff eine Christliche Weise / und ohne einiges Menschen Beschwerung nachdrücklich beyzuspringen sey. 3

Solchen Anschlag hab ich unverzüglich ins Werck gerichtet / und hat dieselbe familie in einem Jahre auff anderthalb hundert Thaler durch solch Mittel empfangen/ und sich der Armuth erwehret. Dieses gab mir eine gute Auslegung / wie GOtt machen könne / daß man reich sey zu allerley guten Wercken; welches ich denn umb deß- willen hier nicht vorbey gehen wollen / damit man darauß desto eigentlicher erkennen möge / wie GOtt das gantze Werck / so wol äusserlich veranlasset / als mein Gemüth dazu gestärcket.

VII.

Da ferner etwa ein Viertel-Jahr die Armen-Büchse in der Pfarr-Wohnung befestiget gewesen / gab eine gewisse Person auff einmal vier Thaler und Sechzehen Groschen hinein. 4 Als ich dieses in die Hände nahm / sagte ich mit Glaubens-Freudigkeit: Das ist ein ehrlich Capital / davon muß man etwas rechtes stifften / ich will eine Armen- Schule damit anfangen. Ich besprach mich nicht darüber mit Fleisch und Blut / son­dern fuhr im Glauben zu / und machte noch desselbigen Tages Anstalt / daß für zwey Thaler Bücher gekaufft wurden / und bestellete einen armen Studiosum, die armen Kinder täglich zwey Stunden zu informiren / dem ich wöchentlich sechs Groschen dafür zu geben versprach / (17) der Hoffnung / GOtt werde indessen / da ein paar Thaler auff diese Weise in acht Wochen ausgegeben wären / mehr bescheren. Die Bettel-Kinder nahmen die neuen Bücher mit Freuden an / aber von sieben und zwantzig Büchern / die unter sie ausgetheilet worden / wurden nicht mehr als vier wiedergebracht / die andern Kinder behielten oder verkaufften die Bücher / und blieben weg.

Ich ließ mich das nicht abschrecken / sondern kauffte für die übrigen sechzehen Groschen auffs neue Bücher / welche mir die armen Kinder allezeit / wenn die Schule aus war / mußten da lassen / wozu etliche Wochen darnach ein eigener Schranck ge­macht ward / daraus die Bücher bey Anfang der Schule genommen / und / wenn sie aus war / wieder darinnen verschlossen wurden / wie es auch noch jetzo in allen Armen-Schulen so damit gehalten wird.

VIII.

Umb Ostern 1695. fieng sich diese Armen-Schule mit so geringem Vorrath an. Denn die oben erwähnten Vier Thaler / und sechzehn Groschen / oder / wie es denn

3 Gemeint ist die Herausgabe der Observationes Biblicae (vgl. vorl. Ausg., S. 249 f.).

4 Die Spenderin war die Frau des späteren Commissionsraths und Universitätsquästors Ernst Heinrich Knorr (vgl. Neuß, a. a. O., S.27).