2. Die Fußstapfen Gottes, 1701

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die eigentliche Veranlassung / daß biß auff diese Stunde die armen Studiosi der Wohl- that des Waysen-Hauses mit theilhafftig sind.

Denn von solcher Zeit an ist das Brünnlein Gottes auch für die armen Studiosos geflossen / und hat noch nicht aufgehöret zu qvellen. Der Name des HErren sey gelobet!

XI.

Hiezu kam / daß eine hohe Standes-Person hundert Thaler in eben demselbigen Sommer zu Verpflegung unserer Armen sandte; und ein guter Freund sandte auch zu Erhaltung der Armen-Schule zwantzig Thaler. Also ließ GOtt nimmer abgehen / was einmal angefangen war / sondern ließ immer reichlicher zufliessen / zu zeigen / daß Er noch gerne ein grösseres thun wolle / so wir nur glauben könnten. 6

XII.

Gegen den Herbst mußte ich auf eine Stube bedacht seyn für die Armen-Schule. Weil ich nun in der Pfarr-Wohnung keinen Raum hatte / miethete ich von dem nächsten Nachbar eine Stube dazu. Die Anzahl aber beydes der Bürgers-Kinder und der Armen nahm also zu / daß ich zu Anfang des Winters noch eine Stuben dazu miethen mußte / theilete darauf die Kinder / und gab denen Bürgers-Kindern einen Praeceptorem ä part, und einen besondern denen armen Kindern. Ein jeder infor- mirte vier Stunden / und empfiengen ein jeder wöchentlich sechzehn Groschen und freye Stube und Holtz.

XIII.

Weil ich aber sähe / daß auch an solchen Kindern / davon man sich sonst gute Hoffnung hätte machen mögen / dem Augenschein nach / nichts rechts ausgerichtet ward / indem ausserhalb der Schulen wieder verderbet ward / was man in der Schulen gebauet hatte / machte ich auch den Anschlag / daß man einige Kinder zu völliger Pfleg- und Erziehung annehmen möchte: Und das war in meinem Gemüthe die erste Veranlassung / und der erste Anschlag zu Auffrichtung eines Waysen-Hauses / ehe denn ich das geringste Capital darzu wußte.

(20) Da ich solchen Anschlag guten Freunden eröffnet / ward bald ein Christliches Gemüth bewogen / fünff hundert Thaler dazu zu vermachen / davon Jährlich auff Weynachten die Zinsen / nemlich fünff und zwantzig Thaler sollten abgetragen wer­den / wie auch bißhero geschehen ist. Als ich diesen Seegen GOttes sähe / wollte ich ein armes Wayselein darzu aussuchen / das von solchen Jährlichen Zinsen möchte erhalten werden. Da wurden mir Vier / Vater- und Mutterlose Geschwister genennet / darunter ich eines auslesen sollte.

Ich wägete es aber auff den HErrn / sie alle Viere zu nehmen / doch da das eine von andern guten Leuten auffgenommen ward / nahm ich die übrigen drey / und fand sich auch an des vierdten Stelle so fort ein anders. Diese vier nahm ich / und that sie zu Christlichen Leuten / und gab ihnen für jedes Kind wöchentlich einen halben Thaler / sie zu erziehen.

Hierauff gieng es mir / wie es sonst zugeschehen pfleget / daß wann mans im Glauben gewaget hat / den Armen einen Groschen zugeben / man darnach eben so

6 Vgl. die Spendenliste in derHistorischen Nachricht, S. 5865, und die Fortsetzung dieser Liste inAnstalten Die zu Verpflegung der Armen zu Glaucha an Halle gemachet sind: Wie sich solche befinden Anno 1698 im Monat Julio; ferner die Eintragungen in den Schreib­kalender Franckes 16971703 (VASt II/3ah; vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 169, Anm.2).